Der Dackel ist verdächtig

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Süddeutsche Zeitung

Die Seite Drei

Donnerstag, 31. Oktober 2013


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Das freie, strahlende, lässige München soll sich also einlassen auf Olympische Winterspiele.
Die Frage ist nun, wer hier wen braucht: die Stadt die Spiele, oder das IOC die Stadt

VON HOLGER GERTZ

Das „Savigny in Charlottenburg ist kein stilles Café, an den Tischen sitzen junge Mütter mit brabbelnden Kleinkindern, die Musikanlage ist aufgedreht, aus der Küche grüßt die Milchschaumdüse. Alles kein Hindernis für die Frau an Tisch vier, gleich vorn am Fenster: Es gibt ein verspätetes Frühstück. Sie spricht sehr deutlich, sie spricht laut. Auch wenn man nicht immer und in allem gleich ein Symbol sehen soll: Redekunst und Lebensart sind, im Falle Imke Duplitzer, nahe Verwandte.

„Bei Olympischen Spielen wird ein Märchen verkauft, ein Wohlfühlevent alle zwei Jahre. Das ist ein Ritual für die Zuschauer, wie an Weihnachten Aschenbrödel schauen.“ Imke Duplitzer beißt ins Brot. „Das Märchen handelt von einer Sportwelt, in der alles in Ordnung ist, da messen sich Menschen im friedlichen Wettstreit, das sind die Athleten, 10 000 Götter auf Erden.“ Imke Duplitzer beißt ins Brot. „Was hinter diesem Märchen steckt, interessiert die Oberförster vom IOC nicht. Hauptsache, sie haben versendbare Fernsehmärchenbilder, die sie inzwischen ja auch selbst produzieren. Also, auch wenn sie im Produkt einen Makel haben, können sie den rausschneiden. Sagen wir, ein Langläufer kotzt nach den 50 Kilometern in die Rabatten. Das soll keiner sehen.“

Imke Duplitzer, 38, ist eine der besten Fechterinnen der Welt, fünfmal bei Olympia angetreten, 2004 in Athen gewann sie mit der Degenmannschaft Silber. Sie sagt: „Wenn man die Olympischen Spiele will, muss man sich im Klaren darüber sein, dass man sich mit dem IOC einlässt. Und da würde ich den Münchnern einfach mal zurufen: Zieht euch warm an.“

München hatte sich schon um die Winterspiele 2018 beworben, den Zuschlag des Internationalen Olympischen Komitees, kurz IOC, erhielt Pyeongchang. Ein südkoreanischer Wintersportort, dessen Name sich nach nordkoreanischer Hauptstadt anhörte – und den viele in München lange nicht ernst genommen hatten, mit Ausnahme des weitsichtigen Franz Beckenbauer natürlich. Beckenbauer, der Guru aus München-Obergiesing, sprach gegenüber ausländischen Journalisten von den „Schaahsen of Schennschang“. Man dürfe, so sagte er es den deutschen Journalisten, „Schennschang nicht unterschätzen“.

Am 10. November finden in München, Garmisch-Partenkirchen und den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden Bürgerentscheide statt. Wenn es vier positive Voten gibt, werden München und die Partnerorte sich offiziell bewerben um die Winterspiele 2022. Es gibt Debatten, nicht nur in München. Schließlich ist nicht klar, ob es im Winter 2022 überhaupt noch so kalt sein wird, dass sich jemand warm anziehen muss. Ist Olympia – wenn man ökologisch und nachhaltig denkt – der Bergwelt zumutbar? Das ist eine Frage. Die andere, weiter gefasste: Sollte sich der freie Teil der Welt einlassen mit diesem IOC, das so gern und so vertrauensvoll mit totalitären Regimes zusammenarbeitet, in denen es Bürgerentscheide nicht gibt?

In Peking wurden Menschen zwangsweise umgesiedelt, um Platz zu schaffen für die Stadien. In Sotschi wurde ein Biosphärenreservat plattgemacht, ein Sumpfgebiet trockengelegt für den Olympiapark. Für 38 Milliarden Euro wurde in einem Badeort ein Winterspielplatz hochgezogen. Männer aus Usbekistan und Tadschikistan arbeiteten auf den Baustellen, zum Teil als illegale Gastarbeiter. Ohne diese Männer wäre alles nicht fertig geworden, jetzt berichten Menschenrechtsorganisationen von Festnahmen. Die Arbeiter werden nicht mehr gebraucht, sie sollen raus aus Russland. Die Menschenrechter sprechen von den „Sklaven von Sotschi“. Vom IOC ist nichts zu hören.

Alle wollen etwas gewinnen bei Olympia, die meisten gewinnen nichts. Aber das IOC, das die Rechte an den Spielen vermakelt, rührt sich nicht, wenn Menschenrechte verletzt werden. Moral ist kein Wert im Geschäftsmodell dieses Verbandes, der inzwischen eine Firma ist, die das zweitwertvollste Produkt der Welt verkauft. 2012 wurde die Marke Olympia in Ranking der Londoner Berater Brand Finance auf Platz zwei gesetzt, hinter Apple, vor Google.

Passt Olympia nach München, das ja für sich in Anspruch nimmt, ein Herz zu haben, tief drin, wo bei anderen Städten nur ein paar S-Bahn-Röhren sind? Passt Olympia nach München, in eine Stadt, in der selbstbewusste Lässigkeit zu Hause ist? Wo Olympia doch das Gegenteil von Lässigkeit im Angebot hat: Pathos.

Imke Duplitzer ist eine Rarität unter Sportlern, wahrscheinlich sogar unter Menschen. Sie ficht noch immer, womöglich tritt sie in Rio 2016 noch mal an, sie ist ein Teil der Szene und zugleich deren hartnäckigste Kritikerin. „Ich hab irgendwann mal das Kärtchen nicht gekriegt, auf dem mein Rückgrat-Entfernungstermin draufstand.“ Bevor sie auf die Planche tritt, die Fechtbahn, bindet sie ein Piratentuch ums Haar. Es nimmt den Schweiß auf, es ist ein Statement. Imke Duplitzers Revoluzzerhaftigkeit drückte sich immer in Taten aus, 2008, vor den Spielen in Peking, ließ sie sich für eine Bilderserie mit dem Porträt von Gao Zhisheng fotografieren. Sie trug ihre Fechtausrüstung und hielt sich das Schwarz-Weiß-Bild dieses Chinesen vors Gesicht. Gao Zhisheng war Anwalt in China, ein mutiger Mann: Er vertrat protestierende Fabrikarbeiter und einen Priester, der wegen des Verteilens von Bibeln verurteilt worden war. Vor den Spielen in Peking verschwand er, noch heute ist er in Haft.

Die Chinesen hatten die Spiele, sie hatten die ganze Welt bei sich im Land; die Kritiker und Aufsässigen wurden weiter mundtot gemacht. Vom IOC war nichts zu hören.

Duplitzers Foto war immerhin eine Geste, eine von mehreren. In Peking boykottierte sie die Eröffnungsfeier und blieb nicht länger als nötig. „Bin angereist, dann ein bisschen Training, das übliche Vorgedödel, zwei Tage nach der Eröffnungsfeier haben wir gefochten, am Tag darauf bin ich wieder geflogen.“ Sie habe Besseres zu tun, sagte sie damals: „Ich muss meinen Flur streichen.“ Wer so etwas sagt, ziemlich laut, fällt auf, sogar den Chinesen. Zwei Jahre später bekam sie kein Einreisevisum für ein Turnier in Nanking.

Imke Duplitzer hat davon gehört, dass die Befürworter in München den Termin sehr beziehungsreich finden würden, Winterspiele 2022. Ein halbes Jahrhundert nach den Sommerspielen, die einerseits in der Katastrophe endeten: die toten Sportler aus Israel. Andererseits klebt „München 72“ immer noch wie ein Herstellungsdatum am Lebensgefühl der Stadt. Münchens Haltung zur Welt, Deutschlands Eintritt in die Moderne. Was damals unverkrampft genannt wurde, heißt heute cool. Olympische Spiele veranstalten, bei deren Eröffnung „Tiritomba“ und auch „Horch was kommt von draußen rein“ gespielt wird, neu arrangiert vom Bandleader Peter Herbolzheimer. Beige Schlaghosen, laubfroschgrüne Hemden und Koteletten wie Eichhörnchenschwänze. Das schwingt mit, wenn jemand sagt: München zweiundsiebzig. Außerdem: keinen Adler, keinen Löwen als Maskottchen haben, sondern einen dauerwurstartig gebauten Dackel namens Waldi. Münchner sagen Zamperl zu dieser Art Hund.

1972 ist ewig her, das IOC war lange ein von der Pleite bedrohter Verband, bevor er umgebaut wurde zu einem Profitunternehmen, einer Gelddruckmaschine. Die Fernsehrechte waren 1972 in München noch für 17,8 Millionen Dollar zu haben – in Peking 2008 brachten sie 1,74 Milliarden. Imke Duplitzer sagt: „Im IOC sitzen inzwischen Großraubtiere. Die machen mit einem Dackel kurzen Prozess.“

Die Ausrichterstadt geht einen Pakt ein mit dem IOC. Ein Vertrag muss gegengezeichnet werden, den Münchens Oberbürgermeister Christian Ude schon beim Anlauf für 2018 eine „Zumutung“ nannte. Die Rechte beim IOC, die Pflichten beim Veranstalter. Einseitige Risiko- und Lastenverteilung, der Ausrichter haftet für Verluste, der Vertragsinhalt wird vom IOC vorgegeben. Wer die Spiele will, erklärt sich bereit, einen Deal einzugehen, der von Juristen in Teilen als sittenwidrig eingestuft wird. Die Großraubtiere machen mit dem Dackel kurzen Prozess und auch mit dem Ausrichter, das IOC diktiert und gibt vor, es ordnet an, es kassiert ab.

Die Vereinbarungen sind so aus der Zeit gefallen wie die Haltung des IOC zu vielen Dingen des Lebens, das IOC erinnert an den Vatikan, bevor Papst Franziskus kräftig durchlüftete. Gerade hat der russische Präsident Putin ein Gesetz unterschrieben: Wer in Anwesenheit von Minderjährigen positiv über Schwule und Lesben redet, muss eine Strafe zahlen. Homophobie ist in Russland nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sie ist jetzt auch gesetzlich verankert: Das ist – aus mitteleuropäischer Sicht – eine Unglaublichkeit, ein Skandal. Den zweiten Skandal verursacht das IOC, von dem schon wieder nichts zu hören ist. Es hat die Winterspiele 2014 nach Sotschi vergeben, die Spiele werden Putins Spiele werden, auf Putins Bühne. Das sogenannte Anti-Schwulen-Gesetz wird weltweit kritisiert, in den USA rufen Homosexuellen-Verbände dazu auf, keine Cola mehr zu trinken. Coca Cola ist olympischer Großsponsor. In Berlin protestierten im August 4000 Menschen gegen das Gesetz. Sie hatten Plakate mit dem per Photoshop auf Tunte geschminkten Putin dabei und solche, auf denen Verantwortung – I’m lovin it stand. Der Slogan von McDonald’s, umgedichtet. McDonald’s ist olympischer Großsponsor. Bode Miller, Ski-Olympiasieger aus den USA, kritisierte das IOC, dessen humanitärer Anspruch sei nur ein Anstrich: „Die Athleten werden irgendwo hingeschickt und sollen diese Philosophien vertreten, und dann dürfen sie ihre Einstellungen und Meinungen nicht zum Ausdruck bringen. Das ist ziemlich scheinheilig.“

Vom IOC: nichts zu hören – außer dem Hinweis, dass die Sportler sich bei Olympia an die Olympische Charta zu halten haben, ein Gesetzeswerk, das Athleten politische Proteste bei den Spielen verbietet. Es gab Diskussionen, ob schon das Schwenken der Regenbogenfahne als politischer Akt verstanden werden kann. Die Frage ist nicht abschließend beantwortet. Aber: eher ja.

Kurz nach den Debatten um das Gesetz stellten die deutschen Wintersportler ihre offizielle Olympiakleidung für Sotschi vor, die wattierten bunten Jacken erinnern an Waldi, den Dackel von 1972 – die Beschwörung von München als Olympiaort ist immer und überall. Andererseits erinnern sie eben auch an die Regenbogenfahne, weltweit verstanden als Symbol für Toleranz und eine Art inoffizielles Hoheitszeichen der Schwulen- und Lesbenbewegung. Bevor es zu Verstimmungen mit dem grandiosen Putin und dem IOC kommen konnte, erklärte ein eifriger Sprecher der deutschen Olympioniken: Man könne „davon ausgehen, dass das nichts mit Protest zu tun hat“, das Design sei schon vor Monaten entworfen gewesen. Imke Duplitzer lacht ein bisschen dreckig, sie sagt: „Da wurde also von den Deutschen in der olympischen Disziplin des Zurückruderns mal wieder eine goldmedaillenreife Leistung abgeliefert.“

Berlin, ein anderer Tag, in der Kronenstraße treffen sich Mitarbeiter des Vereins Doping-Opfer-Hilfe, der Verein berät Menschen, denen Stimulanzien verabreicht wurden und die krank geworden sind davon. Uwe Trömer sagt ein paar Begrüßungsworte, ein ehemaliger Bahnradfahrer aus der DDR, eine intravenöse Behandlung hat seine Nieren versagen lassen, er ist ein Gezeichneter bis heute. Trömer sagt: „Ich kann nur an die Medien appellieren: Zeigen Sie so oft wie möglich die andere Seite der Medaille. Die ist nämlich nicht golden, nicht glänzend, die ist tiefschwarz.“ Nicht verkehrt, sich das noch mal zu vergegenwärtigen. Sich als Stadt um die Spiele zu bewerben bedeutet ja immer auch: bereit sein, über vieles hinwegzusehen.

Im Publikum sitzt Viola von Cramon, Politikerin der Grünen; gerade ist sie aus dem Bundestag ausgeschieden, der Listenplatz sieben hat nach dem fiesen Wahlkampf ihrer Partei nicht gereicht. Sie wird nicht länger als Obfrau der Grünen im Sportausschuss des Deutschen Bundestages mitarbeiten können. Für Menschen, die den Sport auch kritisch sehen, galt sie als fähigste Kraft in diesem Gremium. Es ist selten, dass der Abschied von einem Politiker so spürbar bedauert wird wie beim Treffen der Doping-Opfer-Hilfe. Viele danken ihr, für ihr Engagement und ihre Erreichbarkeit, für ihren Durchblick, für ihre Rauflust. Viola von Cramon lächelt, sie sieht gerührt aus.

Die Olympiabewerbung war eines ihrer Themen und wird es bleiben, die Umwelt, die Nachhaltigkeit, aber auch Münchens Deal mit dem IOC. „Da sind Leute, die sich jeglicher Transparenz und demokratischer Struktur entziehen“, sagt Viola von Cramon. „Der Laden an sich, die Strukturen des IOC an sich, das geht nicht zusammen mit den Werten eines demokratischen Staates, das ist mit Checks and Balances nicht zusammenzubringen.“

Das IOC ist die Regierung des Weltsports, 112 Mitglieder, 30 Ehrenmitglieder: ein exklusiver Klub. Man trifft sich regelmäßig, bei sogenannten Sessionen, man ist untergebracht in den besten Hotels, an interessanten Orten. Durban, Singapur, Moskau. Die Vollversammlungen werden eröffnet in den prachtvollsten Theatern oder Opernhäusern der jeweiligen Städte, anwesend sind dann neben den IOC-Mitgliedern noch Sportler, Spindoktoren, Ehrengäste, sehr alte Männer, sehr schöne Frauen. Der Geldadel der Welt, und der echte Adel. IOC-Mitglieder sind: Prinzessin Nora von Liechtenstein, Prinz Faisal von Jordanien, der Herrscher von Katar, Joseph Blatter, der Herrscher des Weltfußballs. Außerdem weitere Scheichs, viele Ladys, ein paar Sirs, eine ehemalige Eishockeyspielerin, eine burundische Sportfunktionärin. Die Gesellschaft ist einerseits multikulti und bunt, andererseits tief im Gestern verfangen: Ältere Mitglieder des Komitees legen sich riesige Ketten mit den fünf Ringen um den faltigen Hals.

Im IOC sitzen Macht und Geld nebeneinander, eine schwierige Verbindung. Lee Kun Hee aus Südkorea, starker Mann bei Samsung, wurde wegen Steuerbetrugs zu drei Jahren Haft auf Bewährung und

90 Millionen Dollar Strafe verurteilt, aber bald begnadigt. Sein Staatsauftrag: Er sollte die Olympischen Spiele in die Stadt holen, die von Beckenbauer Schennschang genannt worden war. Franz Beckenbauer ist kein IOC-Mitglied. Dafür ist einer von Beckenbauers Freunden dessen Präsident.

Thomas Bach, Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim, amtiert seit wenigen Wochen. Ein Deutscher. Könnte er die Spiele verändern? Viola von Cramon sagt: „Er wäre in der Pflicht zu sagen: Wir brauchen kleinere Spiele. Einfachere Spiele. Spiele, die in Kooperation mit dem Ausrichterland organisiert werden. Der müsste sagen: Wollen wir in Zukunft noch mal in einem zivilisierten demokratischen Land Spiele sehen? Oder sind wir zufrieden damit, in Luxushotels untergebracht zu sein, auch wenn sie mitten in der Wüste stehen. Fünf Sterne sind ja fünf Sterne. Solange den IOC-Menschen egal ist, ob sie den Luxus in München genießen, in Katar oder irgendwann in Nordkorea: So lange ändert sich nichts.“

Thomas Bach ist noch keine hundert Tage im Amt, die Zeit sollte man ihm geben. Aber er ist nicht bekannt als jemand, der den Dingen eine neue Richtung gibt. Er ist ein Taktiker der Macht, Imke Duplitzer nennt ihn „King of Kotelett“. Kurz nachdem er gewählt worden war, reichte man ihm ein Handy. Am Apparat, mit herzlichen Glückwünschen: Wladimir Putin.

In München sind die Wahlplakate zur Bundestagswahl abgehängt und ersetzt worden durch Poster, die auf den Bürgerentscheid hinweisen. Die Plakate sind designtechnisch eine Katastrophe. Comicheft-Sprechblasen („O Ja!“), ein stilisierter Snowboarder, alles grün-orange-blau, die Winterwelt in Waldifarben. Das Plakat sieht aus, als wäre es entworfen worden von Menschen, die nicht wissen, was sie von dem halten sollen, für das sie da werben. Ein Slogan ist: „Deine Stimme – Deine Spiele.“ Schlimmer als ein Plakat, das langweilt, ist ein Plakat, das langweilt und lügt.

Viola von Cramon kann sich das nicht vorstellen, Olympia in München. Nicht zu den Bedingungen des IOC. „Man muss klar sagen: Sich mit diesem korrupten Verein gemein zu machen, mit ihm Verträge abzuschließen und sich diktieren zu lassen, wie die Bedingungen sind – sorry, das steht nicht in Einklang mit meinen Moralvorstellungen.“ Es gibt zwar jetzt einen neuen Ethik-Code des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), darin ist das Verhalten der deutschen Bewerber untereinander und gegenüber Außenstehenden geregelt, sie werden sich tadellos verhalten. Klingt gut, ist aber doch so, als würde jemand sich darüber freuen, dass seine Wohnung trocken ist – während draußen der Rest der Welt davongespült wird. Cramon sagt: „Man müsste den DOSB fragen, ob dieser Ethik-Code auch der Ethik-Code ist, den sie ihren Athleten für Sotschi mit auf den Weg geben, wo gegen jedes ethische Prinzip verstoßen wird.“

Imke Duplitzer kann sich das – zunächst – schon vorstellen, Olympia in München. Da fühlt sie wie eine Sportlerin. Menschen kommen zusammen, messen sich, zeigen anderen, was sie können. Imke Duplitzer ist eine Frau mit einem großen Herzen, und den Charme Olympias komplett kleinzureden, wäre auch zu einfach. Manchmal weint sie, zu Hause auf dem Sofa, wenn irgendwo ein Athlet gezeigt wird, der was gewonnen hat, Fechter, Schwimmer, Läuferin, egal. „Ich weiß ja, wie der sich fühlt in dem Moment.“

Andererseits sagt sie: „Ich habe keinen Bock mehr darauf, mich zu fragen: Wie viel Knebelverträge sind abgeschlossen worden? Wie viel Steuergelder müssen wieder nachgeschossen werden für die tolle Party? Wie viele Leute sind da vorher gestorben und gefoltert oder weggesperrt worden. Warum verdursten da Dutzende Arbeiter, weil sich Hunderte von ihnen eine Flasche Wasser teilen müssen? Warum gucken sich die Herren des Sports das kalt lächelnd an und machen: nichts?“

Dann sagt sie: Nein, sie kann sich das doch nicht vorstellen, Olympia in München. Nicht zu den Bedingungen des IOC.

Gibt es das Richtige im Falschen? Wie schmutzig darf man werden, wenn man saubermachen will? Braucht die wunderschöne, gelassene Stadt München Olympia? Oder braucht Olympia nicht eher die wunderschöne, gelassene Stadt München? Wäre es am Ende nicht eine moralische Verpflichtung für München, den IOC-Menschen mal sehr wuchtig mitzuteilen, wie man Spiele veranstaltet, die nicht nur Trümmer zurücklassen?

Schwierige Fragen, im Zeichen eines Hundes, der bei den Spielen in München 1972 zum Symbol wurde, während er in Sotschi 2014 nicht auf die Straße gelassen würde. Waldi, der regenbogenfarbene Schwulensympathisant.

 

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