Homophobie der Sponsoren: „Wo kein Wille ist, ist immer eine Ausrede!“

Foto: Jürgen Olczyk

Imke Duplitzer: “Gerade das Spiel mit vermeintlich alten Klischees und die Weiterentwicklung von   Stereotypen würden in der Werbung ein enormes Potenzial bieten.” Imke Duplitzer: “Gerade das Spiel mit vermeintlich alten Klischees und die Weiterentwicklung von Stereotypen würden in der Werbung ein enormes Potenzial bieten.”

Imke Duplitzer, mehrfache Medaillengewinnerin bei Weltmeisterschaften mit der deutschen Degenmannschaft, hatte vor über zehn Jahren ihr Coming-out. Die siebenfache deutsche Meisterin sowie fünffache Olympia-Teilnehmerin äußerte sich 2013 über die Berliner Erklärung gegen Homophobie im Sport sehr kritisch. Überhaupt ist sie nicht auf den Mund gefallen. Einmal sagte sie in einem Interview: Homosexuelle Sportler würden gemobbt, geschnitten, missachtet. „Ich bin es einfach leid, wie ein Zirkustier begafft zu werden. Ich will nicht behandelt werden, als wäre ich normal. Ich bin normal.“

W&V sprach mit ihr über die Homophobie der Sponsoren.

Sie gehen seit Jahren sehr offen mit dem Thema Homosexualität um. Hat das positive oder gar negative Auswirkungen auf Ihre Sponsoren?

Dublitzer: Das lässt sich so nicht eindeutig sagen. Fechten bekommt als Randsportart sowieso schwer Sponsoren. Und Ausreden, warum man keine Sponsoren findet, gibt es immer genug. Wo kein Wille ist, ist auch immer eine Ausrede!

Was kriegen Sie hinter den Kulissen mit?

Ja, da allerdings bekomme ich mit, dass Offizielle auf Druck von Außen zugaben, dass jemand wie ich nicht in eine Stadt oder einen Sponsorenpool passt. Da frage ich mich dann, liegt es an meinen Prinzipien oder an meiner sexuellen Orientierung. Früher habe ich mir da echt meine Gedanken gemacht. Wenn Sie jung sind und das Märchen glauben, das Ihnen im Sportsponsoring vorgegaukelt wird, dann können solche Erfahrungen Spuren hinterlassen.

Was sind das für Ängste, die Sponsoren da heute noch haben?

Ich glaube, es ist gerade bei Sponsoren die Angst, ihr Produkt mit einer Figur zu verbinden, die nicht in allen Gesellschaftsschichten gut ankommt. Von Seiten der Agenturen würde es auch Mut brauchen, um so einen Versuch bei einem Pitch zu wagen. Dazu muss die Branche neue Ideen entwickeln und neue Wege gehen.

Da war Iglo mit dem schwulen Pärchen in der Werbung schon mal weiter.

Die Nummer mit den zwei putzigen Homosexuellen von Iglo damals zieht heute keinem mehr die Socken aus. Gute Werbung funktioniert nicht mehr über platte Anzeigen, in denen Krethi oder Plethi ihr Gesicht hinhalten und die Leute dann in den Laden rennen, um das Produkt zu kaufen. Werbung sollte eine gute Story dahinter haben, witzig, ironisch oder charmant sein und so die Kunden länger fesseln. Gerade das Spiel mit vermeintlich alten Klischees und die Weiterentwicklung von Stereotypen würden in der Werbung ein enormes Potenzial bieten. Sei es bei der Vermarktung eines Produkts oder der Diskussion, die eine clevere Kampagne anstoßen könnte. Immerhin betrifft es unmittelbar zehn Prozent der Bevölkerung. Ich sage, „Leute da geht noch was!“.

Würden Sie sich heute noch während Ihrer Karriere outen?

Wahrscheinlich ja. Allerdings würde ich mich heute nicht wie damals hinstellen und zu meiner Homosexualität „bekennen“. Aber ich kann es nicht ertragen, die Person, die ich liebe und alles, was mich privat glücklich macht, zu verstecken. Das habe ich einmal versucht, da die Frau, mit der ich damals zusammen war, gesellschaftliche Konsequenzen zu fürchten gehabt hätte. Aber an dem Vortäuschen einer Freundschaft bin ich innerlich fast zu Grunde gegangen. Mein Coming-out würde heute beiläufig passieren, weil ich dem Drang, Händchen zu halten, auch in der Öffentlichkeit nicht widerstehen kann und irgendjemand ein Bild schießen würde. So simpel.

Ist unsere Medien- und Werbewelt verlogen? Jetzt sagen alle, wie toll, dass der Thomas Hitzlsperger so mutig war, doch bei den Sponsoren sehen wir ja, wie sie wirklich ticken…

Ich glaube nicht, dass „verlogen“ die Sache trifft. Ich denke eher, es ist eine scheue Mutlosigkeit, die diese Entwicklung beeinträchtigt. Oftmals versteckt sich hinter diesem reflexhaften „Ist doch kein Ding“-Gerede die Hoffnung, dass der Kelch der tieferen Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, Gedanken und vielleicht auch Vorurteilen an einem vorbei geht. In erster Linie will man ja sein Produkt an die Kunden bringen und denkt nicht über den gesellschaftlichen Nutzen nach…

…hat aber doch Vorurteile.

Ich gebe zum Thema Vorurteil offen zu, dass ich mich nach dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger auch dabei ertappt habe zu denken: „ Mensch stimmt! Seit ein paar Jahren hat der immer so tolle Haare!“ Das ist natürlich blanker Blödsinn – aber so funktioniert das menschliche Hirn eben. Im Positiven wie im Negativen.

Glauben Sie, dass Sponsoren ihre oft homophobe Einstellung in Zukunft ändern werden?

Da schließt sich der Kreis bei Sport, Sponsoren und Werbung. Wenn die Werber mit richtig guten Ideen zu dem Thema kommen und eine Firma finden, die auch den Mut hat, das dann wirklich überschaubare Risiko zu gehen, kann Sportsponsoring sogar dazu beitragen, Themen wie Homosexualität zur normalsten Sache der Welt zu machen.

Nennen Sie uns ein Beispiel.

American Apparel hat sich mit der Unterstützung der Kampagne „Principle6“ nach meiner Meinung ganz weit vorne in Stellung gebracht. Die Unterstützung einer von Athleten initiierten Idee, auf gesellschaftliche Missstände im Ausrichterland hinzuweisen und auf die ignorante Haltung des IOC, das diese eigentlich in ihren „Firmenrichtlinien“ unter dem Artikel 6 ablehnt, ist ein Husarenstreich. Im Rahmen der Olympischen Spiele sind nur offizielle Ausrüster durch das IOC zugelassen. American Apparel umgeht dies durch die Verbindung mit der Kampagne „Principle6“. Ein Beispiel, bei dem die Idee gut, die Firma mutig und das Timing perfekt sind.

Interview | 16.01.2014 | von Jochen Kalka
http://www.wuv.de/marketing/homophobie_der_sponsoren_wo_kein_wille_ist_ist_immer_eine_ausrede

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