Helden ohne Kopf

Was macht der Spitzensport aus den Menschen? Verantwortungsvolle, disziplinierte, leistungsstarke, mündige Bürger, behaupten Funktionäre. Ihr Monopol-System zielt eher darauf, Geradeausläufer zu produzieren. Christoph Becker und Anno Hecker in der FAZ .

Frankfurter Allgemeine Zeitung Sport Samstag, 02.11.2013, Nr. 255 / Seite 30

Neulich in Nürnberg. Thomas Bach ist zum Deutschen Fußball-Bund gekommen. Der neue Chef des Weltsports spricht beim Festakt des 41. Bundestags: “Die Werte, die der Sport jungen Menschen vermittelt, sind universell. Leistungsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Teamgeist, Disziplin und Fairness sind einige dieser Werte, die unser Leben in dieser Sportfamilie bereichern”, sagt der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Applaus. Der Sport formt die Menschen – zum Guten.

Ob Bach, der frühere Fechter, während seiner Eloge über die Lebensschule des Sports an die Fechterin Imke Duplitzer dachte? Die siebenmalige deutsche Meisterin hat mit dem Degen so viele Gefechte gewonnen, sie studiert, hat ein Buch geschrieben, sie hält Ehrlichkeit im Wettkampf für das Fundament des Sports, und sie bildet sich nicht nur ihre eigene Meinung, sie sagt sie auch ungeschminkt. Duplitzer, 38 Jahre alt, entspricht also Bachs idealtypischer Vorstellung. Aber wer mit ihr spricht, weiß nicht so genau, wie sie soweit kommen konnte: Wegen oder trotz des Sportsystems?

Seit die unermüdliche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein am Mittwoch lautstark 55 aktive Athleten sowie Ehemalige präsentierte, die ihrer heftigen Attacke auf die Sportgerichtsbarkeit folgten, wird viel geschwiegen. Die Erwähnung des Wortes “Schiedsgerichtsvereinbarung” löst Sprachlosigkeit aus. Als müssten Spitzenathleten den Kopf ausschalten, Scheuklappen aufsetzen. Produziert der deutsche Sport vielleicht gar keine Duplitzers, sondern Geradeausläufer?

Bei Claudia Pechstein ist vor einigen Tagen eine intelligente Athletin aufgetaucht. Sie hätte sich gern der Petition ihrer Landsmännin angeschlossen. Doch die hochdekorierte Sportlerin “will keinen Ärger mit dem Verband”. Sorry. Sotschi steht vor der Tür. Die Winterspiele, das heilige Fest im Leben eines Athleten aus den olympischen Verbänden. Einmal dabei sein, vielleicht sogar um den Sieg kämpfen, Gold gewinnen. Davon träumen sie. Und folgen dem Herzen. Selbst Imke Duplitzer: “Entweder du unterschreibst (die Schiedsgerichtsvereinbarung), oder es fährt eine andere zum Wettkampf. Es findet sich immer jemand, der den Trainingsanzug anziehen will, auf dem Deutschland steht.”

Wer mitlaufen will, muss sich unterordnen. Aber wem? Professor Eike Emrich spricht vom “Monopol der Verbände”. Diese Macht hält der Soziologe und Volkswirtschaftler, einst Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, zunächst nicht für etwas Schlechtes. Solange der Zweck des Kartells vor allem der Förderung der Athleten dient. Was aber, wenn Sportler eher zur Machterhaltung benutzt werden? Manche Verbände sind zu Erfolg verdammt bei Olympischen Spielen. Denn nur für Gold gibt es langfristig Geld vom Staat. Also verlangen Spitzenverbände von ihren Sportlern immer häufiger eine Ausblendung des real existierenden Alltags, die uneingeschränkte Konzentration auf die Leistungsentwicklung in Sportarten, in denen sich selbst Seriensieger keine Lebensrente erkämpfen können. Sportförderstellen bei der Bundeswehr befreien von Existenzsorgen, zumindest kurzfristig. Deshalb empfahl ein Bundestrainer seinen Talenten dringend den Eintritt in die Berufsarmee. Soldat im Trainingsanzug, diesen Weg ging ein deutsche Kaderathlet. Jetzt ist er Weltmeister im Waffenrock – mit einem eklatanten Widerspruch in der Biographie: Er hatte einst den Wehrdienst verweigern wollen.

Die Fallhöhe ist hoch, selbst in Mannschaftssportarten, die gute Gehälter suggerieren. Im deutschen Basketball reichen die Überweisungen der Bundesligaklubs bei sparsamen Spielern häufig nur für ein Startprogramm nach Ende der Laufbahn. Studenten sind in der Halle nicht mehr erwünscht, sobald es darum geht, eine Klausur zu schreiben statt zu trainieren. “In der Praxis heißt es schlicht: Bist du Student oder Basketballspieler? Und selbst wenn ein Studium möglich ist: Eine sportbegleitende Ausbildung, aus der ein Sportler auch etwas mitnimmt, ist noch viel schwieriger”, sagt Johannes Herber, Vorstand der Basketballspielergewerkschaft Spin. Widerstand erscheint aus Sicht von Eike Emrich zwecklos: “Ein Streik nutzt wenig. Es herrscht hohe Konkurrenz um die Startplätze. Die Teilnahme an Wettbewerben ist die Voraussetzung der Steigerung des Marktwertes der Athleten, die gezwungen sind, immer mehr vom Sport zu leben, weil sie immer weniger Zeit für ihren Beruf haben.”

Diese Lage weckt Begehrlichkeiten. Warum sollten Sportler nicht mehr an den Einnahmen der Verbände partizipieren, die von ihnen existieren? Mehr als 400 Millionen Euro besitzt das IOC dank der Vermarktung der Spiele. “Die Sportler sollen nicht partizipieren, die bekommen einen Lorbeerkranz und eine glänzende Scheibe um den Hals, wenn sie gewonnen haben”, sagt Duplitzer. Emrich sieht eine “Verdünnung der Athletenrechte”, wenn der Sportler “zumindest in Teilen Mittel zum Zweck der Einkommenserzielung für den Verband durch Vermarktung der Nationalmannschaft wird, häufig aber ohne angemessene Bezahlung für die Athleten”. Die schauen verdutzt aus der Wäsche, wenn eine Art Sittenwächter wie ein westeuropäischer Taliban auf die Kleiderordnung pocht. Während der Sommerspiele 2012 in London wurde ein deutscher Olympiateilnehmer als Zuschauer auf der Tribüne gemaßregelt, weil er Jeans statt der Ausrüsterhose trug. Sein Fachverband erhielt eine schriftliche Verwarnung mit der Androhung eines Bußgeldes im Fall einer Wiederholung. Unrecht ist das nicht. Jeder Olympiafahrer erhält eine ausgeklügelte Bekleidungsvorschrift, weil sich der klamme deutsche Sport zu Olympia von der Sportartikelindustrie einkleiden lässt. Im Fall der Winterspiele von Vancouver 2010 hatten die Deutschen laut Anzugsordnung 18 Einsatzvarianten mit verschiedenen Kombinationen zu beachten. Was die Athleten wohl nicht wissen: Sie machen zwar für das Regenbogen-Design von Bogner kräftig Werbung, der Sport erhält aber kein Geld dafür. Im Gegenteil, er zahlt sogar. Der Verkauf der Klamotten (inklusive der kostenlosen Adidas-Ausrüstung) im Wert von 10 000 Euro ist den Olympiateilnehmern bei Strafe verboten, die Verlockung aber seit jeher hoch, doch irgendwie am Gewinn teilzuhaben. “Ende der neunziger Jahre habe ich aus einem Fairplay-Logo des deutschen Sports ein T-Shirt mit der Aufschrift Fair Pay gebastelt”, erzählt Imke Duplitzer: “Da wurde mir vorgeworfen, ich hätte die Fairplay-Idee in den Dreck gezogen. Das trifft mich schon. Aber ich will mir nicht das Schnitzel vom Brot nehmen lassen, auch wenn es nur ein kleines ist.”

Philip Schulz hätte schon ein Würstchen gereicht. Er war Radrennfahrer, verdiente sich ein paar Euro bei kleinen Teams. Als der Internationale Radsport-Verband (UCI) ein Mindestgehalt für die Tagelöhner einführte, glaubten die Pedaleure an etwas bessere Zeiten. Weil von dieser Vorschrift die Lizenzerteilung abhing. Offiziell hielt man sich an die Order der UCI. Aber dafür stellten manche dieser Rennställe nun plötzlich Geld für Material oder Rennbetreuung in Rechnung. Die Fahrer verdienten letztlich keinen Cent mehr. Warum ließ sich Schulz also auf vergleichbare Deals ein? “Aber man unterschreibt, weil ein Team ohne Lizenz nicht überlebt und man dann gar nichts mehr kriegt.”

Geld, Reichtum, Sicherheit. Für die meisten Athleten kann der materielle Gewinn keine besondere Rolle spielen. Die Aussichten sind zu gering. Und trotzdem lässt die Faszination nicht nach. Sie schwitzen und rackern, nehmen Entbehrungen und erhebliche Risiken für den erhebenden Moment in Kauf: Olympia. Da leuchten die Augen der kleinen Meister, der Olympioniken von morgen. Da wollen sie hin. Imke Duplitzer stand schon fünfmal im olympischen Hain, sie hat Silber mit der Mannschaft gewonnen, aber Vertrauen verloren. “Olympia ist wie eine Schneekugel, die geschüttelt wird: Die Flocken rieseln, es gibt ein bisschen Bewegung, aber das Bild bleibt gleich. Man sieht nur die Gewinner. Die Verlierer, wie die Wanderarbeiter in Sotschi, die die Tribünen gebaut haben, auf denen die Zuschauer sitzen, sieht niemand. Und wenn ich dann Athletenvereinbarungen unterschreibe, bei denen mir Juristen sagen, sie seien an der Grenze zur Sittenwidrigkeit, wenn ich damit also dem IOC und den Verbänden vertraue, dann muss ich mich darauf verlassen können, dass die auch ihrer Fürsorgepflicht mir gegenüber nachkommen.” IOC-Chef Bach ist zu Beginn der Woche in Sotschi gewesen. Er hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen und eine Zusage erhalten. “Wir werden alles tun, damit sich Sportler wohl fühlen, unabhängig von ihrer sexuellen Ausrichtung”, sagte Putin mit Blick auf seine Winterspiele im Februar. Obwohl es ein Gesetz gibt in seinem Land, dass die Propaganda von Schwulen und Lesben für ihre Lebensform verbietet. “Da wird Olympia zum Potemkin’schen Dorf”, sagt Duplitzer: “Sie (die Sportfunktionäre) müssen Putin ja nicht mal die Spiele wegnehmen – aber wenigstens eine Pressemitteilung muss doch drin sein, mit der sie sich von diesem Gesetz distanzieren. Der Sport muss doch endlich merken, dass er mehr ist als Platz fünf im Medaillenspiegel, ansonsten ist die olympische Idee totgeritten. Viele Sportler sind jetzt schon unzufrieden, das Gemurre wird größer und richtet sich immer gegen einen gemeinsamen Feind, in diesem Fall die Athletenvereinbarungen.”

Der Widerstand der zuletzt 56 (mit Claudia Pechstein) ist die erste lose Athleten-Konfrontation in Deutschland seit Jahrzehnten. Wenn noch mehr Spitzensportler aber so unzufrieden sind mit ihrer Lage, warum nutzen sie nicht das bundesweit organisierte Netz der Athletenvertretungen im DOSB? Weil die Gegenwehr des organisierten Sports gegen Sportlergewerkschaften in Deutschland offenbar größer ist als in vielen anderen Ländern. “In Spanien und Italien sind die Seilschaften unter Sportlern in unserem Sport viel stärker”, sagt Basketballgewerkschafter Herber. Die Ursache liegt aber auch im Wettkampfprinzip, das die potentielle Macht einer Interessengemeinschaft schon bei den kleinsten Problemen unterhöhlt. Bei den Sommerspielen in Athen 2004 gab es für die Fechter hinter der Bahn etwas zu trinken, ein paar Äpfel und trockenes Brot. “Wir haben es nicht geschafft, dagegen zu protestieren”, sagt Imke Duplitzer, “weil manchen ihr direkter Vorteil, den sie durch ihr eigenes, besseres Essen hatten, wichtiger war.”

Verantwortungsbewusstsein, Teamgeist, Fairness hat Bach als Werte vorgestellt, die der “Sport jungen Menschen vermittelt”. Sie lernen auch, ihre Ängste zu unterdrücken. Die Rennrodlerin Natalie Geisenberger, Goldkandidatin für Sotschi, sprang fast einen Meter zur Seite, als sie am Dienstag in München auf die Schiedsgerichtsvereinbarung angesprochen wurde: “Dazu sage ich nichts. Nein.” Ende des Gesprächs. Kerstin Szymkowiak spricht frei. “Ich war ein mentales Wrack”, sagt die frühere Skeleton-Fahrerin über ihren Albtraum kurz vor den Winterspielen in Turin 2006. Der Verband hatte die Nominierungskriterien über Nacht verändert, obwohl Athletenvertreter protestierten. Wegen eines Anschubfehlers beim plötzlich entscheidenden Rennen in Altenberg konnte sich die zweifellos beste Deutsche nicht qualifizieren, wurde zwar für zehn Stunden nominiert, dann aber wieder herausgenommen aus dem Olympiateam, gegen den Willen des Bundestrainers. Sie hätte klagen können. “Der Druck bei den Spielen, wenn ich mich durchgesetzt hätte, wäre nicht zu ertragen gewesen. Ich hätte eine Medaille gewinnen müssen, sonst hätten alle gelacht. Damals stand ich ganz alleine da. Ich hätte mir gewünscht, dass eine neutrale Anlaufstelle des Sports mir geholfen hätte.” Kerstin Szymkowiak vermied eine drohende Dauerfehde mit dem Verband. Vier Jahre später gewann sie Silber in Vancouver. “Es geht häufig nicht mehr um die reine Leistung, sondern um Kompatibilität mit einem Geschäftsmodell”, sagt Imke Duplitzer. Wohin der Sport Athleten führt? Zu “Stromlinienförmigkeit”.

 

erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.11.2013, Nr. 255, Seite 30

Autoren: Christoph Becker und Anno Hecker

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