Duplitzers Funktionärskritik

Funktionäre sind weltfremde Bürokraten, Olympische Spiele eine verlogene Farce: Die Fechterin Imke Duplitzer hat mit ihrer Kritik am IOC und dem DOSB Klartext geredet – nicht zum ersten Mal. Was steckt hinter der wortreichen Empörung der Spitzensportlerin?

Auf Imke Duplitzer ist Verlass. Wenn es gilt, im deutschen Sport ein kritisches Wort über Verbände, über Sponsoren und Kommerz einzuholen, ist die 36-jährige Fechterin die erste Adresse. Ihr Rundumschlag in der “Bild”-Zeitung wenige Tage vor dem Beginn der Olympischen Sommerspiele gegen IOC und den eigenen Sportbund DOSB war denn auch nicht gänzlich überraschend. Duplitzers Verhältnis zu den Sportfunktionären ist als angespannt hinlänglich bekannt.

Diesmal hatte sich die Sportlerin die Nachwuchsförderung im deutschen Sport vorgeknöpft, die Rahmenbedingungen für Trainer und Athleten als schlecht bezeichnet, die DOSB-Funktionäre mit den SED-Kadern der DDR verglichen und die Olympischen Spiele als Inszenierung in “Sissi”-Manier kritisiert. Duplitzers Fazit: “Die Welt will beschissen werden.” Die Fechterin will demnächst ihr Buch “Helden-Haft” vorstellen. Dem hat die plakative Wortmeldung, in der “Bild” als “Olympia-Abrechnung” verkauft, womöglich nicht geschadet.

Bei Twitter schimpft Duplitzer bereits seit Monaten über den Fußball-Weltverband Fifa (“die veräppeln uns doch!”), deren Chef Joseph Blatter (“gibt es eigentlich das Wort blattern?”), über die deutschen Ruderer, die sich einen Olympiaplatz einklagen wollten (“Geschacher”), über die Grünen (“werdet endlich erwachsen!”), über Regierungssprecher Steffen Seibert (“so klingt ‘Opportunist’ also in Regierungsdeutsch!”). Duplitzer kommentiert, was es aus ihrer Sicht zu kommentieren gibt. Mit beeindruckender Streuung.

Auch vor Peking meldete sich Duplitzer zu Wort

Die Reaktionen aus dem organisierten Sport auf ihre neueste Attacke waren erwartbar: “Verfehlt und deplatziert” sei die Kritik, befand Leistungssport-Vizepräsidentin Christa Thiel. Die Strukturen des deutschen Sports seien “nicht so schlecht”. DOSB-Generalsekretär Michael Vesper nannte die Kritik “so pauschal”. Und Schwimmer Paul Biedermann sagte, so etwas “bringt keine gute Stimmung rein”.

Dagegen bekundete die Fechterin selbst, dass sie extrem viel Zuspruch für ihre Worte bekommen habe. Zahleiche E-Mails seien bei ihr eingegangen, “mir ist fast das Facebook-Profil explodiert”. So gab es Rückendeckung von Hockey-Bundestrainer Markus Weise, der zwar die Unterstützung durch den DOSB lobte, aber die fehlende Anerkennung der Trainerarbeit bemängelte.

Schon vor den Sommerspielen in Peking 2008 hatte Duplitzer für Aufsehen gesorgt, als sie die Menschenrechtsverletzungen in China anprangerte und demonstrativ der Eröffnungsfeier fernblieb. Bei den anschließenden Wettkämpfen triumphierte dann ihre Konkurrentin Britta Heidemann – so etwas wie die Anti-Duplitzer.

Heidemann hat in China studiert, sie bewegt sich trittsicher im Umfeld der Sponsoren und PR-Strategen, arbeitet als Unternehmensberaterin, hat gut dotierte Werbeverträge und ist überhaupt eine Art Darling auf und abseits der Planche. Heidemann verkörpert viel von dem, was Duplitzer am modernen Sport ablehnt .

Heidemann ist das Gesicht des Fechtsports

Sportlich erfolgreich sind sie beide seit Jahren, für die Teamwettbewerbe rauft man sich auch regelmäßig zusammen. Duplitzer, mittlerweile auch Präsidentin ihres Fechtclubs OFC Bonn, nimmt in London zum fünften Mal an Olympischen Spielen teil, sie ist siebenfache deutsche Meisterin, sie hat zweimal die Europameisterschaft für sich entschieden, sie war bereits vor zehn Jahren Vizeweltmeisterin.

Dennoch ist Heidemann diejenige, die in der Öffentlichkeit als die Erfolgs-Fechterin gilt – ihr Olympiasieg überstrahlt alles, auch die Tatsache, dass die 29-Jährige diesmal große Probleme hatte, sich überhaupt für die Spiele zu qualifizieren. Seitdem ist sie das öffentliche Gesicht des deutschen Fechtens.

Duplitzer dagegen wird als Beauftragte für Kritik und Menschenrechtsfragen wahrgenommen. Dass sie auch aufgrund ihrer immensen Erfahrung sportlich derzeit womöglich die bessere Fechterin ist, geht dabei unter. Als es im April bei der entscheidenden Qualifikation darum ging, ob überhaupt ein deutsches Degen-Team der Frauen nach London fahren darf, war Duplitzer in den Gefechten die Leitfigur des Teams, nicht Heidemann. Zu den Favoritinnen auf Gold zählen sie in diesem Jahr aber beide nicht.

London wird vermutlich Duplitzers letzter große olympische Auftritt sein, sie wird während der Spiele 37 Jahre alt. Die erfolgreichen deutschen Fechterinnen waren oft eigenwillige Typen, von Cornlia Hanisch über Anja Fichtel bis Zita Funkenhauser. Der Einzelkampf auf der Planche fördert das, Fechten ist trotz aller Teamwettbewerbe immer ein Individualsport geblieben.

Es ist ein Sport, der Persönlichkeiten wie Imke Duplitzer verträgt.

 

erschienen in: Der Spiegel, 13.7.2012

Autor: Peter Ahrens

http://www.spiegel.de/sport/sonst/fechterin-imke-duplitzer-kritisiert-ioc-und-dosb-a-845818.html

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