“Ich träume davon, dass Sportfunktionäre sich nicht ihren Eitelkeiten verpflichtet fühlen”

Sportfunktionäre sollen nicht mehr ihren Eitelkeiten folgen: Imke Duplitzer, Vizeweltmeisterin im Degenfechten, träumt vor ihrem Olympia-Start von Veränderungen im Sport.

Am Anfang hat das Kino meine Träume bestimmt. In meiner Kindheit habe ich wohl zu viele Mantel-und-Degen-Filme gesehen, Die drei Musketiere oder Piratenfilme mit Errol Flynn. Ich war fasziniert und habe mitgefiebert, wenn die Helden fechtend über Stock und Stein sprangen, immer im Dienst der gerechten Sache, edel, hilfreich und gut. Das wollte ich auch können, so wollte ich auch sein! Als ich dann deutsche Fechter bei Olympia im Fernsehen gesehen habe, war mir klar: Das möchte ich auch erleben. Mein Mantel-und-Degen-Traum ist, in abgewandelter Form, in die Realität übergesprungen. Da war es natürlich sensationell, dass ich im vorigen Jahr die Darsteller des Drei Musketiere- Films im Fechten unterrichten durfte und miterleben konnte, wie ein Film entstand.

Als Kind war ich ein Wildfang, kaum zu zähmen. Durch das Fechten habe ich Disziplin gelernt und, trotz allem Ehrgeiz und Siegeswillen, Respekt vor dem Gegner und Fairness. Lektionen, die in vielen Lebensbereichen von Bedeutung sind. Träume spielen für mich dabei bis heute eine große Rolle. Kurz vor den Wettkämpfen suche ich den Zustand zwischen Wachen und Schlafen, den Moment, in dem ich meine Gedanken und Vorstellungen gerade noch steuern kann, aber mich gleichzeitig dem Fluss der Bilder anvertraue, die eine eigene Dynamik entwickeln. In diesen Momenten visualisiere ich mit geschlossenen Augen Bewegungsabläufe, das spätere Gefecht entsteht vor meinem inneren Auge. So gelingt es mir dann kurz darauf auf der Wettkampfbahn, schneller zu reagieren.

Fechten ist für mich eine Herzensangelegenheit. Darum ist es mir wichtig, mich kritisch mit dem Sport und seinem Umfeld auseinanderzusetzen. Zumal ich die Realität des Leistungssports in den vergangenen Jahren oft als ernüchternd und belastend erlebt habe. Die Fokussierung auf mediale Inszenierung, die stetige Kommerzialisierung, die Fixierung auf Geld, auf Werbeverträge und die Bestechungsskandale gefallen mir nicht. Deshalb träume ich davon, dass irgendwann wieder der Sport und die Arbeit der Athleten im Vordergrund stehen, nicht der Kommerz, der schöne Schein und die Pose. Dass Olympia zu seiner ursprünglichen Idee zurückfindet. “Dabei sein ist alles” hat seine Bedeutung längst verloren, der sportliche Wettkampf ist zum Alibi für die Show geworden. In unserer medial inszenierten Welt zählt nur noch die Goldmedaille. Der Weg dahin, die harte Arbeit der Sportler auf den hinteren Plätzen, interessiert niemanden. Ich träume davon, dass die Sportfunktionäre, die am Ruder sind, wieder das tun, was ihre Aufgabe ist – nämlich rudern, etwas voranbringen und sich nicht darauf beschränken, wie Postkartengondolieri zu posieren. Dass sie sich dem Sport verpflichtet fühlen und nicht ihren eigenen Eitelkeiten.

In Wochen wie diesen, in denen mein Leben nur aus Fechten, Schlafen, Essen besteht, träume ich manchmal davon, alles hinter mir zu lassen. Meine Tasche zu packen, ins Auto zu steigen, an den Strand zu fahren und in den Himmel zu schauen. Aber ich habe mir dieses Leben ausgesucht, also muss der Ausflug bis nach den Spielen warten. Ich freue mich schon jetzt auf die bewundernden Blicke am Strand für meinen durchtrainierten Körper. Falls es mit der Medaille nicht klappt, sind sie mein Trostpreis. Für irgendetwas muss die Trainingsquälerei ja gut gewesen sein.

 

Imke Duplitzer

36, ist Olympiateilnehmerin. Sie kam mit elf zum Degenfechten und ist Deutsche Meisterin, Europameisterin, Vizeweltmeisterin. Dieser Tage erscheint das Buch der offen homosexuellen Athletin – Helden Haft: Provokante Gespräche mit interessanten Persönlichkeiten

 

erschienen in: Die Zeit, 26.7.2012, Nr. 31

Autor: Jörg Böckem

http://www.zeit.de/2012/31/Traum-Imke-Duplitzer/komplettansicht

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