“Die Diskussion um Hitzlsperger ist verlogen”

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Alle sind sich einig: Thomas Hitzlsperger könnte Vorbild für andere Sportler sein. Aber ist die Sportwelt wirklich bereit für homosexuelle Sportler? Die lesbische Fecht-Weltmeisterin Imke Duplitzer hat Zweifel.

PULS: Alle reden jetzt darüber, dass sich ein Ex-Profifußballer geoutet hat. Wär’s Ihnen lieber, wenn wir überhaupt nicht darüber reden müssten?

Imke Duplitzer: Das ist wie alles im Leben eine sehr zweischneidige Geschichte: Auf der einen Seite habe ich gestern auch erst einmal gedacht: Was? Das hätte ich ja nie gedacht! Gerade, weil Thomas Hitzlsperger immer einer von denen war, die nie so richtig aufgefallen sind, er war immer relativ reflektiert.

Auf der anderen Seite war es gut, dass er einfach von sich erzählt hat. Denn viele dieser Aktionen, die da gefahren werden, sind Lippenbekenntnisse. Hitzlsperger geht es aber nicht um die Aktion, sondern um dieses “so tun als wär’s normal”, das in unserer Gesellschaft sehr verbreitet ist. Normal ist Homosexualität aber immer noch nicht: Ich habe erst heute morgen im Radio einen Anrufer gehört, der meinte, dass Homosexualität nicht zu Fußball passt. Das sei schließlich ein Männersport. Das zeigt, dass diese Vorurteile immer noch in den Köpfen sind, da können wir noch so viele Gleichstellungsgesetze verabschieden.

Sie finden die Diskussion also verlogen?

Ja. Auch wenn sich die Bundeskanzlerin hinstellt und es toll findet, dass sich Hitzlsperger geoutet hat, muss man sie daran erinnern, was sie gesagt hat, als es ums Adoptionsrecht für Homosexuelle ging. Da meinte sie, sie sei um das Wohl der Kinder besorgt. Wenn so etwas von einer Bundeskanzlerin kommt, die ja auch eine Vorbildfunktion hat, zeigt es, dass Homosexualität eben nicht normal ist.
So lange diese Diskussion so verlogen und zwiespältig ist, ist es immer wieder toll, wenn Leute wie Hitzlsperger sagen: Okay Leute, so ist es, und jetzt denkt einfach nochmal drüber nach.

Glauben Sie – auch nachdem, was Sie selber vor etwas mehr als zehn Jahren erlebt haben -, dass jetzt weitere Coming-Outs folgen? Könnte Hitzlspergers Schritt etwas anstoßen?

Mir macht Mut, dass er die Debatte voranbringen möchte. Weil natürlich immer die Gefahr besteht, dass es – auch von den Medien geschürt – zu einer Glorifizierung der Person kommt und die eigentliche Sache aus den Augen verloren wird. Denn es ist immer noch ein Unterschied, ob jemand, der sehr prominent und finanziell abgesichert ist, so einen Schritt geht, oder ob das jemand von nebenan macht.

Es ist heutzutage zwar nicht mehr politisch korrekt, Vorbehalte gegen Schwule und Lesben zu äußern. Aber diese Vorbehalte sind immer noch da. Sei es bei Mobbing oder bei Getuschel hinter dem Rücken. Ich kenne das aus vielen Verbänden, auch aus meinem eigenen Verband, dem Deutschen Olympischen Sportbund. Insider haben mir zum Beispiel erzählt, wie über mich gesagt wurde: “Die blöde Lesbe macht schon wieder Ärger”.

Aber glauben Sie, dass jetzt mehr Leute den Mut haben, sich zu äußern?

Ich denke, im Vorfeld der WM in Katar oder auch der Olympiade in Russland wird sich keiner hinstellen und sagen: Ach übrigens, ich bin schwul! In diesen Ländern gibt es zum Teil noch massive Strafen für Homosexualität. Aber vielleicht ist es einfach eine Ermutigung für den ein oder anderen, der feststellt: Es gibt andere, es gibt mehrere. Denn es liegt auch an mangelnden Rollenvorbildern, dass sich so wenige outen.

Hat das auch etwas mit der eventuellen Verschreckung von Sponsoren zu tun?

Ich bin jetzt seit 22 Jahren im Leistungssport und Sie können jetzt mal raten, wie viele Sponsoren ich hatte: Null! Begründet wird das mit der Randsportart und den angeblich fehlenden ganz großen Erfolgen. Aber man muss sich einfach deutlich machen: Sponsoren möchten ein Massenpublikum ansprechen. Homosexualität ist aber immer noch weit davon entfernt, massenkompatibel zu sein. Außerdem sind Sport und Sex beides sehr körperliche Geschichten. Ich gehe davon aus, dass sich viele Firmen einfach sagen, das ist uns zu heiß.

Könnten die Olympischen Spiele jetzt der richtige Anlass für deutsche Sportler, deutsche Fans und deutsche Politiker sein, um ein Zeichen zu setzen?

Eigentlich lautet eine Leitlinie des Wirtschaftsunternehmens IOC, dass Sport nicht aufgrund von Rasse, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung diskriminiert. Ich wünsche mir, dass sich das IOC einfach mal an die eigene Nase fasst und sagt: “Stopp. Wir stehen eigentlich dafür, eine bestimmte Idee und Kultur zu leben. Wenn aber gar nichts mehr hinter dieser Kultur steckt, mache ich langfristig auch mein Produkt kaputt.” Und allein schon deshalb sollte das IOC tätig werden, zum Beispiel Menschenrechte in seine Vergabekriterien schreiben oder sich anderweitig einmischen.

Fecht-Weltmeisterin Imke Duplitzer

Sie ist eine der erfolgreichsten Degenfechterinnen Deutschlands: Imke Duplitzer hat mehrmals die deutschen Meisterschaften, sowie Europa- und Weltmeisterschaften gewonnen. Seit ihrem Coming-Out als lesbische Sportlerin 2002 fordert sie einen fairen und unverlogenen Umgang mit Homosexualität im Sport.

 

Marie Müller Stand, 09.01.2014

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