Zwischen Sport, Ethik und Glauben

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Es kommt groß daher, das doch recht schmale Buch “Gelbe Karte – Ethische Fragen an den Sport”. Themen wie Kommerz, Doping, Fitnesswahn, Ersatzreligion und Depression sollen auf nur 164 Seiten behandelt werden und am Ende soll eine symbolische Verwarnung stehen.

Zunächst überzeugt “Gelbe Karte” durch seine thematische Vielfalt und die Expertise vieler Autoren: Ines Geipel schreibt über die gedopte Gesellschaft, Imke Duplitzer über Homophobie im Leistungssport und Sylvia Schenk über Korruption. In insgesamt elf Beiträgen widmen sich die Autoren auch christlichen Fragen. Herausgeber Dietmar Heeg ist Pfarrer und seit vielen Jahren als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für den privaten Fernsehsender RTL und die ProSiebenSat.1 Media AG zuständig. Mit diesem Buch gibt Heeg auch den Anstoß, sich von Seiten der Kirchen stärker in die ethischen und moralischen Fragen des Sports einzumischen. Wenn Ines Geipel das Gebot “Leistungsfähigkeit über alles” beschreibt und ein “Plädoyer gegen den Perfektionswahn” hält, dann ist es nur ein Beispiel in dem sich zeigt, dass kritische Themen im Sport durchaus auch ethische Fragen im Glauben sind.

Dabei sind die Perspektiven im Buch recht heterogen: Wenn sich ein britischer Fußballspieler wegen der Diskriminierung seiner Homosexualität umbringt, dann ist das ein ganz andere Dimension, als wenn sich der C-Jugendspieler, der gleichzeitig Messdiener ist, zwischen Gottesdienst und Sport entscheiden muss.

Die Stärken dieses Buches liegen daher in Themen wie “Homophobie im Leistungssport”. Die Fechterin Imke Duplitzer schildert die Scheinheiligkeit des Sports in Bezug auf die Intoleranz gegenüber Homosexuellen: Sie erinnert an Äußerungen, die im Sportalltag schnell vergessen sind: So zum Beispiel Oliver Bierhoff, Manager der Deutschen Nationalmannschaft, der sich im vergangenen Jahr zu einem ARD-Tatort äußerte, der Homophobie im Fußball thematisierte: “Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen”, sagte Bierhoff damals. Oder die Antwort eines Funktionärs auf die Frage, ob der Fußballbund nicht eine Schirmherrschaft bei den Gay Games, den Spielen der Schwulen und Lesben, übernehmen wolle: Man sehe da kein Problem, man habe ja auch die Fecht-WM der Behinderten unterstützt. Kommentare die zeigen, wie viel im Sport noch zu tun ist.

Doch noch interessanter als diese Aussagen sind Duplitzers Ausführungen zu den Mechanismen, die nach solchen Äußerungen ablaufen. “Die Täter, die diskriminieren […], machen sich unter Applaus der eigenen Peergroup selber zum Opfer.” Zur Rechtfertigung würden dann die vermeintliche Dünnhäutigkeit, Überempfindlichkeit, oder Humorlosigkeit der Betroffenen ins Feld geführt. Gern würde auch das berühmte “Wort auf der Goldwaage” genannt.

Dieses Schema, sich selbst vom Täter zum vermeintlichen Opfer zu machen, funktioniere immer und verhindere in der Gesellschaft wie im Leistungsport jede positive Entwicklung, schreibt Duplitzer. Deutliche Worte. Ähnlich sieht es Sylvia Schenk von der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International. “Im Sport herrscht nach wie vor die Befürchtung, ein Negativ-Thema könne Politik und Sport abschrecken. Kritiker werden deshalb als Nestbeschmutzer angesehen und nicht als Personen, die den Sport voranbringen wollen.” Ursache sei auch die sogenannte “Sportfamilie”.

 

Buchrezension “Gelbe Karte – Ethische Fragen an den Sport“

Von Hendrik Maaßen

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