“Wir kamen nicht mehr raus”

Perfekt waren die Olympischen Sommerspiele in Peking – perfekt organisiert zumindest der schöne Schein. Wie es dahinter aussah, schildert Imke Duplitzer für die SPIEGEL Jahreschronik 2008.

Es waren perfekte Spiele – für TV-Zuschauer. Mit viel Aufwand schuf Peking bei Olympia 2008 eine Illusion der Perfektion. Die Fechterin Imke Duplitzer erlebte hinter der Fassade totale Kontrolle, Vermarktunswahnsinn und eine krasse Zweiklassengesellschaft.

Am 5. August tauche ich zum vierten Mal in die Welt der Olympischen Spiele ein. Im Landeanflug auf Peking sehe ich eine gelbliche, dunstige Glocke über der Stadt hängen.

Als das Flugzeug angedockt hat, quäle ich mich zum Ausgang, wo mich bereits die ersten buntbekleideten Männchen in diesem typischen Olympia-Outfit in Empfang nehmen.

“This way, please!”

Rolltreppe hoch; und da steht auch schon das nächste Männchen. “This way, please”, sagt es und setzt sich an die Spitze unserer Gruppe.

Die Einreise funktioniert dank der bereits zugesandten Akkreditierung problemlos, und nachdem man sich noch das Hologramm zur Validierung abgeholt hat, ist man für die Zeit seines Aufenthalts mit diesem Ding um den Hals verheiratet. Ohne dieses Stück Plastik geht gar nichts auf olympischem Grund und Boden. Wobei auch in diesem elitären Club der Akkreditierten Standesunterschiede gemacht werden.

Auf der Karte ist ein blauer Balken oder ein roter, und allein diese beiden Farben teilen die Sportwelt in zwei Lager. Sie bestimmen über Laufwege und Zugänge, etwa in die Olympic Family Lounge. Der blaue Balken auf der Karte bedeutet, der Träger ist ein Athlet, Physiotherapeut oder Trainer. Auf jeden Fall hat sein Job etwas mit Schwitzen zu tun. Ein roter Balken bedeutet “repräsentativ” oder “administrativ”. Die Teilung wird noch komplizierter durch eine Reihe von Zahlen und Buchstaben, es gibt eine strenge Hierarchie bei Olympischen Spielen.

Ich hänge mir das Ding um den Hals und fühle mich ein wenig wie bei der Kinder-Landverschickung. Andere tragen es auffällig unauffällig. Es handelt sich dabei fast ausnahmslos um Männer, die einen roten Balken auf der Akkreditierung haben, leicht in die Jahre gekommen und ein wenig untersetzt, in einem vom vielen Sitzen etwas zerknitterten Anzug. Kurz: Es handelt sich um das Stereotyp des Funktionärs.

“This way, please”, ertönt wieder die Stimme des Männchens, das uns durch den Flughafen nach draußen begleitet. Mir ist eigentlich nur noch nach einer Dusche, einem heißen Kaffee und einer Zigarette.

Vor der Tür angekommen, vergeht mir die Lust auf den Kaffee. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit lassen mich eher an ein kühles Bier denken. Und nach fünf Minuten außerhalb des Wirkungsbereichs einer Klimaanlage bin ich nass, als hätte ich schon geduscht.

Am nächsten Morgen mache ich mich auf zum Training. Ich bin gespannt, wie sich die Wettkampfstätte seit April verändert hat.

Der Weg vom olympischen Dorf zur Halle würde zu Fuß ungefähr sechs Minuten dauern. Ich muss aber den offiziellen Shuttlebus nehmen. Die Fahrt dauert gut und gern 20 Minuten, die Sicherheitsvorkehrungen halten auf.

Die Baustelle um die Fechthalle hat sich mittlerweile in das olympische Gelände verwandelt: Wo im April noch Bagger und Arbeitskolonnen wüteten und im Gleichschritt Pflaster hämmerten und Bäume pflanzten, steht nun eine Hochglanzfassade. Nun werden synchron die Fenster riesiger Glaskästen geputzt.

Der Olympiapark wird geprägt vom Nationalstadion, vom Wasserwürfel und von den offiziellen Sponsoren. Ich staune über die monströsen Werbebauten eines Unterhaltungselektronikherstellers, eines deutschen Autobauers, einer chinesischen Bank. Auf der Toilette, auf der ich mich im Fechtstadion niederlasse, ist der Name des Keramikherstellers überklebt. Auch die Firma, die den Händetrockner produziert hat, ist unkenntlich gemacht worden. Schließlich haben die nicht dafür bezahlt, ihre Logos auf dem olympischen Parkett zu Markte tragen zu dürfen.

Auf einem Streifzug durch den Olympiapark werden unser Trainer und ich Opfer der Zweiklassengesellschaft. Wir sind in eine Sackgasse geraten, um uns herum sind nur Durchgänge, die man mit einem roten Balken auf der Akkreditierung passieren darf. Wir dürfen noch nicht einmal den Weg zurückgehen, den wir gekommen sind. Eine Ewigkeit später, nach etlichen Kommunikationsversuchen und mit geduldigem Lächeln, ist es uns gelungen, ins Freie zu kommen und nach einem Rundgang um das Gebäude wieder unsere Trainingshalle zu erreichen. Fünf Meter vom Ausgangspunkt.

Nach unserer Rückkehr ins olympische Dorf müssen wir zunächst unseren Plan für den nächsten Tag koordinieren, denn die Dopingkontrolle will schließlich auch hier wissen, wo sie uns 24 Stunden am Tag finden kann. Spontane Unternehmungen fallen damit fast völlig aus. Man könnte auch sagen, wir Athleten sind Gefangene eines Systems, das ohne uns nicht existieren würde. Der Kampf gegen Doping ist mit Sicherheit gerechtfertigt und wichtig, aber langsam nimmt er absurde Dimensionen an.

Als ich auf dem Weg zur Mensa durchs Dorf schlendere, bewundere ich die künstlichen Flussläufe und die kunstvoll angelegten Gärten; die von den Nationen geschmückten Häuser und die Kolonnen von Arbeitern, die das alles instand halten. Die Gärtner haben alle einen gelben Smiley an die Uniform geheftet bekommen; der Blick in ihre Gesichter zeigt ein anderes Bild.

Am Tag der Eröffnung fahre ich mit dem Taxi zu einem Pressetermin im Hotel Kempinski, dort ist das “Deutsche Haus” untergebracht. An den Brücken der Stadt hängen Transparente in allen Sprachen: “Jeder ist der Gastgeber, alle bauen das neue Peking auf”.

Diese Formel wirkt wie ein Werbeslogan und brennt sich sogar mir in den Kopf. Aber warum bin ich denn Gastgeber, und wie zum Teufel soll ich das neue Peking aufbauen? Ich komme doch aus meiner Parallelwelt gar nicht so einfach raus!

Im Kempinski tauche ich auch schon wieder in diese Welt ein. Hier ist die Basis der deutschen Marken, die nicht im Sponsorenverbund des Internationalen Olympischen Komitees sind, sondern nur im Nationalen. Im Deutschen Haus wird für Politiker, Funktionäre und Sponsoren das tägliche “Dinner and a Show” gefahren.

Die Grundidee dieses Modells war eigentlich sehr gut, aber mittlerweile ist es zum Treffpunkt der konservativen Selbstdarsteller geworden, die dem Umbau und der Erneuerung des Sports aus Eigeninteresse massiv im Weg stehen. Schade eigentlich, aber wohl ein Symptom, an dem der Sport nicht nur in Deutschland leidet – schließlich sind wir hier bei Olympia in Peking, und das IOC ist nicht weit.

 

Spiegel, Jahreschronik 2008

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