Die Rede-Fechterin

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking war Imke Duplitzer eine singuläre Gestalt. Wie keine andere Athletin hat sie für ein politisches Bewusstsein geworben. Von Anfang an hat sie sehr eindeutig Position bezogen gegen die Spiele in Chinas Parteidiktatur. Wer ist diese Frau, die sich gegen das Establishment des Sports richtet? Thomas Hahn dazu in der Süddeutschen Zeitung.

Imke Duplitzer versucht, nicht zu funktionieren – und wirbt bei aller olympischen Seligkeit einsam für politisches Bewusstsein.

Imke Duplitzer steht jetzt unten an der Treppe, die in die Fechthalle führt. In ihrem Rücken gehen die Sommerspiele von Peking weiter, die Kämpfe des Turniers im Frauenflorett, Applaus und Ansagen wehen zu ihr hinüber, und von der Tribüne kommen immer wieder Leute mit fragenden Blicken. Wer ist diese Frau im Gewand der deutschen Olympiamannschaft, die mitten im Gang in einer Traube von Zuhörern steht, redet, zuhört, redet, zuhört, überlegt, wieder redet?

Imke Duplitzer ruft: “Wir deutschen Sportler sind alle so ein bisschen der Hofnarr.” Auf eine olympische Kommerzbühne gesetzt, die sie “Musikanten-stadl des Sports” nennt. “Wir sind im Bereich Brot und Spiele tätig.” Sie spricht “als demokratische Bürgerin”, sie redet an gegen Chinas Parteidiktatur, die “durch Ausnutzung eines Nachrichtensystems die Leute doof hält”, und gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC), das sie und die anderen Sportler in die Lage versetzt hat, die chinesische Olympia-Propaganda als Wettkämpferin stützen zu müssen. Sie wehrt sich. Sie versucht, nicht zu funktionieren.

Es folgen wichtige Tage für den deutschen Fechtsport, es geht um Medaillen und Aufmerksamkeit. Es ist das übliche olympische Spiel: Nur Erfolge bringen Förder- und Sponsorengeld, und gerade bei diesen Spielen darf der Deutsche Fechterbund auf eine neue Welle der Popularität hoffen. Diesen Dienstag versucht Nicolas Limbach nach den Sternen zu greifen, der Weltranglisten-Erste im Säbelfechten, am Mittwoch folgen die Turniere im Männer-Florett und Frauen-Degen mit erstklassigen Aussichten. Peter Joppich, der dreimalige Weltmeister, ist am Start, und Weltmeisterin Britta Heidemann, 25, das schöne Gesicht der neuen deutschen Fechtbewegung, könnte mit der richtigen Medaille sogar Hochglanzniveau erreichen.

Das ist die Situation, und in die passt Imke Duplitzer im Grunde überhaupt nicht mit ihren 33 Jahren und ihrem Anspruch als politischer Freigeist. Beredt verspottet sie genau jenes Establishment, aus dem die Sponsoren für eine bessere Fechtwelt kommen sollen, scharf attackiert sie die sportpolitischen Größen des Landes in ihrer Rolle als prinzipienfreie Reiter des galoppierenden Kommerzes. Und von Anfang an hat sie sehr eindeutig Position bezogen gegen die Spiele in Chinas Parteidiktatur. Aber gerade deswegen hat sie jetzt Konjunktur. Bei der Team-Pressekonferenz am Montag war sie die gefragteste Person.

Sie berichtete munter, wie sie den Abend der Eröffnungsfeier verlebt hatte, die sie aus politischen Gründen geschwänzt hatte (“Ich bin vom Feuerwerk gestört worden”), sann über die besenreine Perfektion des Pekinger Spiele-Alltags nach (“optimal geschmacksneutral”) und über ihre zwiespältigen Gefühle zum Olympia-Ambiente (“Ich kann nicht sagen, es ist grausam hier. Ich kann auch nicht sagen, ich wäre begeistert”). Britta Heidemann, einst Schülerin in Peking und studiert in Regionalwissenschaften mit Schwerpunkt China, saß etwas blass daneben und sagte zu Duplitzers Meinungen: “Ich mag mich gar nicht mehr dazu positionieren. In zwei Tagen ist mein Wettkampf.”

Duplitzer. Heidemann. Ihre Haltungen spiegeln das Spektrum der westlichen China-Sicht, und man muss aufpassen, dass man nicht ungerechte Vergleiche zieht. “Wir gehen von völlig anderen Standpunkten aus”, sagt Imke Duplitzer, “sie hat mehr den ökonomischen Standpunkt. Ich würde mich als Humanist bezeichnen.” Britta Heidemann hat die Vorzüge der chinesischen Entwicklung mit ihrer Ausbildung aufgesogen, außerdem spricht sie chinesisch.

China-Kritiker mahnt sie, die Geschichte des Riesenreichs zu beachten und die Fortschritte dort nicht hinter Schlagworten wie Tibet verschwinden zu lassen. Die Politik-Studentin Imke Duplitzer argumentiert aus der Sicht der demokratisch erzogenen Bildungsbürgerin, die Gesellschaften an den allgemeinen Freiheitsrechten misst, die sie gewähren. Im Einparteienstaat China mit seinem von der Regierung gesteuerten Rechtssystem, seiner autoritären Minderheiten-Politik und seiner kontrollierten Medienlandschaft liegt auf diesem Feld Einiges im Argen.

Imke Duplitzer sagt allerdings auch: “Ich liebe Fechten.” Und diese Liebe zwingt sie in Widersprüche. Passt es etwa, dass ihr Freigeist der Bundeswehr als Sportsoldatin dient? Sie findet schon: “Bundeswehrsoldaten sind Bürger in Uniform. Sie können sich frei äußern.” Und das Dilemma, in das sich jeder Olympia-Beteiligte begibt, der einerseits kritisch sein will, andererseits durch sein Zutun die chinesisch-olympische Party unterstützt? Da hat Imke Duplitzer auch keine Lösung. Sie sagt: “Am 13. August bin ich Athletin.” Da wird sie nicht demonstrieren. Wie auch? “Ich kann kein Charaktergefecht machen.” Ihre Reden müssen reichen. “Was mache ich denn jetzt hier?”, ruft sie. “Wenn Sie wüssten, auf welch dünnem Eis mein Arsch gerade Schlittschuh fährt.”

Sie sagt, ihr Auftreten habe nichts mit Berechnung zu tun. “Ich bin so.” Aber sie weiß wohl selbst, dass ihr das viele nicht abnehmen. Ihre Prominenz in diesem Jahr rührt weniger von der Tatsache her, dass sie trotz all ihrer Einlassungen die Qualifikation zu ihrer dritten Olympia-Teilnahme gemeistert hat. Sondern von ihrem politischen Offensivgeist, mit dem sie ziemlich alleine dasteht in der deutschen Sportlerlandschaft.

Aber sie will nun mal nicht die freundliche Marionette an den Fäden der Sportindustrie sein. Also polarisiert sie. Also sorgt sie dafür, dass das politische Thema dieser Spiele nicht in jener Sportseligkeit versinkt, die das IOC und die Pekinger Granden sich wünschen. Imke Duplitzer sagt: “Ich bin 33. Sie können nicht von mir erwarten, dass ich mich hinstelle und den Deppen gebe.” Für das Hochglanzniveau sind andere zuständig.

 

erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 12.08.2008

Autor: Thomas Hahn

http://www.sueddeutsche.de/sport/olympische-spiele-die-rede-fechterin-1.588002

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