Menschenrechte

Amnesty: Gold für Menschenrechte

Der Protest gegen die russische Regierung wächst.
Einen Aufruf von Amnesty International für Meinungsfreiheit in dem Land haben weltweit 330.000 Menschen unterschrieben.
“Politische Oppositionen werden bedroht“, erklärte Imke Duplitzer bei der amnesty-Demo am Brandenburger Tor.

copyright: Amnesty International/Henning Schacht ai_30012014_027

Duplitzers Funktionärskritik

Funktionäre sind weltfremde Bürokraten, Olympische Spiele eine verlogene Farce: Die Fechterin Imke Duplitzer hat mit ihrer Kritik am IOC und dem DOSB Klartext geredet – nicht zum ersten Mal. Was steckt hinter der wortreichen Empörung der Spitzensportlerin?

Auf Imke Duplitzer ist Verlass. Wenn es gilt, im deutschen Sport ein kritisches Wort über Verbände, über Sponsoren und Kommerz einzuholen, ist die 36-jährige Fechterin die erste Adresse. Ihr Rundumschlag in der “Bild”-Zeitung wenige Tage vor dem Beginn der Olympischen Sommerspiele gegen IOC und den eigenen Sportbund DOSB war denn auch nicht gänzlich überraschend. Duplitzers Verhältnis zu den Sportfunktionären ist als angespannt hinlänglich bekannt.

Diesmal hatte sich die Sportlerin die Nachwuchsförderung im deutschen Sport vorgeknöpft, die Rahmenbedingungen für Trainer und Athleten als schlecht bezeichnet, die DOSB-Funktionäre mit den SED-Kadern der DDR verglichen und die Olympischen Spiele als Inszenierung in “Sissi”-Manier kritisiert. Duplitzers Fazit: “Die Welt will beschissen werden.” Die Fechterin will demnächst ihr Buch “Helden-Haft” vorstellen. Dem hat die plakative Wortmeldung, in der “Bild” als “Olympia-Abrechnung” verkauft, womöglich nicht geschadet.

Bei Twitter schimpft Duplitzer bereits seit Monaten über den Fußball-Weltverband Fifa (“die veräppeln uns doch!”), deren Chef Joseph Blatter (“gibt es eigentlich das Wort blattern?”), über die deutschen Ruderer, die sich einen Olympiaplatz einklagen wollten (“Geschacher”), über die Grünen (“werdet endlich erwachsen!”), über Regierungssprecher Steffen Seibert (“so klingt ‘Opportunist’ also in Regierungsdeutsch!”). Duplitzer kommentiert, was es aus ihrer Sicht zu kommentieren gibt. Mit beeindruckender Streuung.

Auch vor Peking meldete sich Duplitzer zu Wort

Die Reaktionen aus dem organisierten Sport auf ihre neueste Attacke waren erwartbar: “Verfehlt und deplatziert” sei die Kritik, befand Leistungssport-Vizepräsidentin Christa Thiel. Die Strukturen des deutschen Sports seien “nicht so schlecht”. DOSB-Generalsekretär Michael Vesper nannte die Kritik “so pauschal”. Und Schwimmer Paul Biedermann sagte, so etwas “bringt keine gute Stimmung rein”.

Dagegen bekundete die Fechterin selbst, dass sie extrem viel Zuspruch für ihre Worte bekommen habe. Zahleiche E-Mails seien bei ihr eingegangen, “mir ist fast das Facebook-Profil explodiert”. So gab es Rückendeckung von Hockey-Bundestrainer Markus Weise, der zwar die Unterstützung durch den DOSB lobte, aber die fehlende Anerkennung der Trainerarbeit bemängelte.

Schon vor den Sommerspielen in Peking 2008 hatte Duplitzer für Aufsehen gesorgt, als sie die Menschenrechtsverletzungen in China anprangerte und demonstrativ der Eröffnungsfeier fernblieb. Bei den anschließenden Wettkämpfen triumphierte dann ihre Konkurrentin Britta Heidemann – so etwas wie die Anti-Duplitzer.

Heidemann hat in China studiert, sie bewegt sich trittsicher im Umfeld der Sponsoren und PR-Strategen, arbeitet als Unternehmensberaterin, hat gut dotierte Werbeverträge und ist überhaupt eine Art Darling auf und abseits der Planche. Heidemann verkörpert viel von dem, was Duplitzer am modernen Sport ablehnt .

Heidemann ist das Gesicht des Fechtsports

Sportlich erfolgreich sind sie beide seit Jahren, für die Teamwettbewerbe rauft man sich auch regelmäßig zusammen. Duplitzer, mittlerweile auch Präsidentin ihres Fechtclubs OFC Bonn, nimmt in London zum fünften Mal an Olympischen Spielen teil, sie ist siebenfache deutsche Meisterin, sie hat zweimal die Europameisterschaft für sich entschieden, sie war bereits vor zehn Jahren Vizeweltmeisterin.

Dennoch ist Heidemann diejenige, die in der Öffentlichkeit als die Erfolgs-Fechterin gilt – ihr Olympiasieg überstrahlt alles, auch die Tatsache, dass die 29-Jährige diesmal große Probleme hatte, sich überhaupt für die Spiele zu qualifizieren. Seitdem ist sie das öffentliche Gesicht des deutschen Fechtens.

Duplitzer dagegen wird als Beauftragte für Kritik und Menschenrechtsfragen wahrgenommen. Dass sie auch aufgrund ihrer immensen Erfahrung sportlich derzeit womöglich die bessere Fechterin ist, geht dabei unter. Als es im April bei der entscheidenden Qualifikation darum ging, ob überhaupt ein deutsches Degen-Team der Frauen nach London fahren darf, war Duplitzer in den Gefechten die Leitfigur des Teams, nicht Heidemann. Zu den Favoritinnen auf Gold zählen sie in diesem Jahr aber beide nicht.

London wird vermutlich Duplitzers letzter große olympische Auftritt sein, sie wird während der Spiele 37 Jahre alt. Die erfolgreichen deutschen Fechterinnen waren oft eigenwillige Typen, von Cornlia Hanisch über Anja Fichtel bis Zita Funkenhauser. Der Einzelkampf auf der Planche fördert das, Fechten ist trotz aller Teamwettbewerbe immer ein Individualsport geblieben.

Es ist ein Sport, der Persönlichkeiten wie Imke Duplitzer verträgt.

 

erschienen in: Der Spiegel, 13.7.2012

Autor: Peter Ahrens

http://www.spiegel.de/sport/sonst/fechterin-imke-duplitzer-kritisiert-ioc-und-dosb-a-845818.html

„Ich mache das Maul auf“

Sie hasst und liebt die Olympischen Spiele: Fechterin Imke Duplitzer ist zum fünften Mal dabei und will endlich den großen Erfolg. Imke Duplitzer im Interview

taz: Frau Duplitzer, Sie haben in den vergangenen Wochen extrem hart trainiert. Bei Ihrer fünften Olympiateilnahme wollen Sie endlich eine olympische Medaille im Degen-Einzel gewinnen. Können Sie die Planche überhaupt noch sehen?

Imke Duplitzer: Essen, schlafen, fechten. Das war mein Programm. Das führt natürlich zu einem Lagerkoller. Ab und zu sind mein Trainer Martin Heidenreich und ich ausgebrochen aus dieser Routine. Dann waren wir ganz überrascht, dass es da draußen noch andere Menschen gibt. Ich musste in der Olympiavorbereitung mehr tun, weil ich mich im Herbst des letzten Jahres an der Halswirbelsäule verletzt hatte und den Trainingsrückstand aufholen musste. Ich habe dafür sogar einen Fitnesstrainer verpflichtet.

Sie und das Team haben sich nur ganz knapp für Olympia qualifiziert. Um ein Haar hätte sich der ganze Aufwand nicht gelohnt.

Nach der Quali in Paris dachte ich kurz: O Mann, jetzt geht der ganze Scheiß weiter. Das klingt komisch, aber das Training geht echt an die Substanz. Diese Kopfverletzung war ja nicht von Pappe. Wieder in Form zu kommen, das war eine wahnsinnige Energieleistung. Ich hatte das Gefühl, ich muss Fechten wieder von Grund auf lernen. Mein Trainer und ich haben uns echt gequält.

Aber es ist doch wunderbar, dass Sie sich für Ihre fünften Sommerspiele qualifiziert haben. Oder etwa nicht?

Ja, es ist schön. Auf der anderen Seite geht bei den Spielen schon seit längerer Zeit etwas schief.

Was denn?

Jetzt sollen wir genötigt werden, einen bestimmten roten Schuh von Adidas anzuziehen, weil Adidas die Markenmacht bei den Spielen hat. Aber nicht mit mir. Sollen wir uns vielleicht auch noch die Haare färben, damit wir so auf den Sponsor aufmerksam machen? Das geht mir als Sportler auf den Geist. Ich möchte in meinen eigenen Schuhen fechten. Aus.

Und wenn das nicht geht?

Dann ziehe ich meine Schuhe vor laufenden Kameras auf der Fechtbahn aus. Ist mir scheißegal.

Keine Frage, die Spiele sind kommerziell, aber können Sie mit dem olympischen Geist, den es ja noch geben soll, nicht doch etwas anfangen?

Ich liebe den Wettkampf. Ich mache das, weil ich Fechten toll finde. Wenn man das erste Mal bei Olympia dabei ist, dann findet man das alles irgendwie faszinierend. Das kann ich verstehen. Aber ich weiß mittlerweile, wie es funktioniert: Die Jugend der Welt kommt zusammen. Das Internationale Olympische Komitee organisiert die Sause – und verdient prächtig daran. Ich für meinen Teil werde nicht im olympischen Dorf wohnen.

Im Ernst?

Ich habe ein Apartment in der Nähe vom Fechtzentrum gemietet. Ich werde mich auch aus den olympischen Feierlichkeiten heraushalten. Ich bin im Zwiespalt: Ich liebe den Sport, hasse es aber, wie Funktionäre ihn verbiegen.

Haben Sie dem IOC innerlich gekündigt?

Ich möchte einfach meine Ruhe haben. Das geht nicht im Dorf. Klar gibt es ein paar Sportler, auf die ich mich freue: Schützen, eine neuseeländische Hockeyspielerin und noch ein paar andere. Die Verabredungen stehen schon. Es ist ja für mich als olympischen Routinier nicht mehr so, dass ich einen Nervenzusammenbruch bekomme, nur weil Usain Bolt an mir im olympischen Dorf vorbeiläuft. So was brauche ich nicht mehr.

Macht das nicht gerade den Reiz aus, Stars zu treffen, aber auch Underdogs aus Entwicklungsländern?

Die Grundidee der Spiele finde ich immer noch gut, was daraus geworden ist, nicht. Daher die Distanz, auch die räumliche. Ich bin darauf gefasst, dass es Kritik hageln wird, wenn ich nicht erfolgreich sein werde. „Die braucht eine Extrawurst und bringt nur Unruhe rein“, wird es dann heißen. Aber warten wir mal ab.

Sie üben sich in professioneller Distanz.

O ja, das ist schön formuliert.

1996, als Sie als Ersatzfechterin zu den Spielen von Atlanta gereist sind, wie war es für Sie als olympische Novizin?

Da habe ich schon einen leichten olympischen Knacks wegbekommen. Ich war ein Niemand. Musste extern wohnen. Damals hätte es mir gut gefallen, im olympischen Dorf unterzukommen. Aber ich durfte nicht, weil es eine neue IOC-Regel gab. Ich war bei den Spielen, aber trotzdem nicht richtig dabei. Und die olympische Flamme habe ich damals auch nicht auf Anhieb gefunden, sondern zunächst nur die Olympic French Fries Flame von McDonald’s, also die Frittenflamme. Mittlerweile fechte ich fast lieber bei einer Weltmeisterschaft, weil es da noch ums reine Fechten geht.

Und bei Olympia nicht?

Dort herrscht ein extremer Kampf um Aufmerksamkeit. Und wer findet Gehör? Sportler, die sich total vermarkten, die Stars in einer Trendsportart sind oder ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen, konservativen Sportarten fallen immer mehr unter den Tisch.

Bei den Olympischen Spielen haben aber auch die vermeintlichen Randsportler die Chance, auf die große Bühne zu treten.

Der Ruhm ist nicht von Dauer. Was ist denn aus den letzten beiden deutschen Olympiasiegern im Fechten geworden? Ein Olympiasieg im Fechten zählt heute weniger als früher. Der Sport an sich zählt nicht mehr so viel. Es muss heute schrill sein, unterhaltend und schräg. Und der Sportler muss wissen, womit er in der Medienlandschaft ankommt, sonst geht er unter. So schaffen es auch wenig erfolgreiche Sportler mit nackten Tatsachen auf die Titelseiten.

Sie wissen doch auch, womit man bei den Medien gut ankommt.

Ich mache das Maul auf, richtig. Kritik allein nützt wenig. Sie muss schon mit Schmackes daherkommen, sie muss den Angesprochenen richtig wehtun. Das habe ich mit den Jahren gelernt.

Deswegen haben Sie der Bild-Zeitung vor ein paar Tagen auch ein vielbeachtetes Interview gegeben, in dem Sie über unfähige Sportfunktionäre wie den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbunds, Thomas Bach, wettern?

Ich habe dafür viel Zuspruch erhalten. Meine Facebook-Seite ist fast explodiert. Und der Sportbund hat mich ja nach den Spielen zu einem Gespräch eingeladen.

Warum legen Sie sich so gern mit denen an?

Weil es kein anderer macht. Keiner möchte sich den Mund verbrennen, man möchte nicht aus dem Förderungssystem rausfliegen. Und es ist sehr schwer, bestehende Strukturen infrage zu stellen. Ich will mich aber mit der Verarsche nicht abfinden.

Wie läuft die Verarsche Ihrer Meinung nach?

Man lässt sich von den bunten Bildern beeindrucken und versteht die Botschaft dahinter nicht mehr. Sie wird auch oftmals bewusst von den TV-Rechteinhabern ausgeblendet. Ich meine Doping, Kommerz, Korruption und Machtmissbrauch.

Im Moment des Wettkampfs muss Ihnen das egal sein, denn Sie wollen ja Ihre erste Olympia-Einzelmedaille, auf die Sie seit 1996 warten. Wie sehr setzen Sie sich selbst unter Druck?

Ich will die Belohnung für meine Quälerei einstreichen. Das geht aber nicht mit der Brechstange, sondern nur mit einer gewissen Demut. Man muss ackern, aber man muss dankbar dafür sein, dass man ackern darf. Ich bin dankbar dafür, dass ich dreimal am Tag in der Halle stehen und mein Programm durchziehen darf. Ich wühle, kämpfe und schaffe gern. Mein Trainer auch. Ich bin das von Kindesbeinen an gewohnt. Eigentlich geht es mir vor allem um die Fechtarbeit. Wenn am Ende eine Siegerpose steht, umso besser.

Verstehe ich Sie richtig: Der Weg ist das Ziel?

Beim Leistungssport darf man nie fragen: Was kriege ich dafür? Denn man hat nie eine Erfolgsgarantie oder eine sichere Rendite für die Investitionen im Training. Letztlich geht’s immer nur darum: umfallen, aufstehen, umfallen, aufstehen.

Sind Sie eigentlich eine bessere Fechterin als Anfang der neunziger Jahre?

Ich bin eine andere Fechterin. Ich bin geduldiger und demütiger geworden. Und ich bin immer noch fasziniert vom Fechten, begreife es aber mittlerweile als komplexes System. 1991 war ich eine Rotznase, der König der Welt, der nicht haushalten musste mit seinen Kräften, der nicht so viel nachgedacht hat und nach zwei harten Trainingseinheiten noch eine Stunde Badminton gespielt hat. Das ist heute etwas anders.

 

Die 37-Jährige ist Hauptfeldwebel der Bundeswehr, Degenfechterin, bekennende Lesbe und lauteste Kritikerin unter Deutschlands Olympioniken. Sie nimmt an ihren fünften Olympischen Sommerspielen teil. 2004 hat sie in Athen mit der Degen-Mannschaft die Silbermedaille gewonnen. Dass das Team jetzt auch in London dabei ist, hat es hauptsächlich den Fechtkünsten von Imke Duplitzer aus Bonn zu verdanken.

Der Plan: Der Wettkampf der Degenfechterinnen beginnt am Montag. Die Goldmedaille wird um 20.40 Uhr im ExCel Center von London vergeben. 64 Fechterinnen gehen an den Start. Es wird nach dem Knock-out-Prinzip verfahren. Um Olympiasiegerin zu werden, muss man also sechs Kämpfe am Stück gewinnen.

Das Gerät: Die Waffe des modernen Degenfechtens ist eine dreikantige, elastische Stichwaffe. Anders als in den Waffengattungen Florett und Säbel ist der ganze Körper Trefferfläche. Der Degen ist 1,10 Meter lang und wiegt 770 Gramm. Im Unterschied zum Florettfechten (500 Gramm) beträgt das Anzeigegewicht für einen Stoß 750 Gramm. Die Fechtbahn ist 14 Meter lang.

Die Stars: Florettfechterin Valentina Vezzali (Italien) hat fünf olympische Goldmedaillen gewonnen, ihre Landsfrau Laura Flessel-Colovic fünf Plaketten mit dem Degen. Meisterhaft ficht auch die Säbelschwingerin Mariel Zagunis (USA), die Doppelolympiasiegerin. Alle drei starten in London.

 

erschienen in: http://www.taz.de/!98222/

“Ich träume davon, dass Sportfunktionäre sich nicht ihren Eitelkeiten verpflichtet fühlen”

Sportfunktionäre sollen nicht mehr ihren Eitelkeiten folgen: Imke Duplitzer, Vizeweltmeisterin im Degenfechten, träumt vor ihrem Olympia-Start von Veränderungen im Sport.

Am Anfang hat das Kino meine Träume bestimmt. In meiner Kindheit habe ich wohl zu viele Mantel-und-Degen-Filme gesehen, Die drei Musketiere oder Piratenfilme mit Errol Flynn. Ich war fasziniert und habe mitgefiebert, wenn die Helden fechtend über Stock und Stein sprangen, immer im Dienst der gerechten Sache, edel, hilfreich und gut. Das wollte ich auch können, so wollte ich auch sein! Als ich dann deutsche Fechter bei Olympia im Fernsehen gesehen habe, war mir klar: Das möchte ich auch erleben. Mein Mantel-und-Degen-Traum ist, in abgewandelter Form, in die Realität übergesprungen. Da war es natürlich sensationell, dass ich im vorigen Jahr die Darsteller des Drei Musketiere- Films im Fechten unterrichten durfte und miterleben konnte, wie ein Film entstand.

Als Kind war ich ein Wildfang, kaum zu zähmen. Durch das Fechten habe ich Disziplin gelernt und, trotz allem Ehrgeiz und Siegeswillen, Respekt vor dem Gegner und Fairness. Lektionen, die in vielen Lebensbereichen von Bedeutung sind. Träume spielen für mich dabei bis heute eine große Rolle. Kurz vor den Wettkämpfen suche ich den Zustand zwischen Wachen und Schlafen, den Moment, in dem ich meine Gedanken und Vorstellungen gerade noch steuern kann, aber mich gleichzeitig dem Fluss der Bilder anvertraue, die eine eigene Dynamik entwickeln. In diesen Momenten visualisiere ich mit geschlossenen Augen Bewegungsabläufe, das spätere Gefecht entsteht vor meinem inneren Auge. So gelingt es mir dann kurz darauf auf der Wettkampfbahn, schneller zu reagieren.

Fechten ist für mich eine Herzensangelegenheit. Darum ist es mir wichtig, mich kritisch mit dem Sport und seinem Umfeld auseinanderzusetzen. Zumal ich die Realität des Leistungssports in den vergangenen Jahren oft als ernüchternd und belastend erlebt habe. Die Fokussierung auf mediale Inszenierung, die stetige Kommerzialisierung, die Fixierung auf Geld, auf Werbeverträge und die Bestechungsskandale gefallen mir nicht. Deshalb träume ich davon, dass irgendwann wieder der Sport und die Arbeit der Athleten im Vordergrund stehen, nicht der Kommerz, der schöne Schein und die Pose. Dass Olympia zu seiner ursprünglichen Idee zurückfindet. “Dabei sein ist alles” hat seine Bedeutung längst verloren, der sportliche Wettkampf ist zum Alibi für die Show geworden. In unserer medial inszenierten Welt zählt nur noch die Goldmedaille. Der Weg dahin, die harte Arbeit der Sportler auf den hinteren Plätzen, interessiert niemanden. Ich träume davon, dass die Sportfunktionäre, die am Ruder sind, wieder das tun, was ihre Aufgabe ist – nämlich rudern, etwas voranbringen und sich nicht darauf beschränken, wie Postkartengondolieri zu posieren. Dass sie sich dem Sport verpflichtet fühlen und nicht ihren eigenen Eitelkeiten.

In Wochen wie diesen, in denen mein Leben nur aus Fechten, Schlafen, Essen besteht, träume ich manchmal davon, alles hinter mir zu lassen. Meine Tasche zu packen, ins Auto zu steigen, an den Strand zu fahren und in den Himmel zu schauen. Aber ich habe mir dieses Leben ausgesucht, also muss der Ausflug bis nach den Spielen warten. Ich freue mich schon jetzt auf die bewundernden Blicke am Strand für meinen durchtrainierten Körper. Falls es mit der Medaille nicht klappt, sind sie mein Trostpreis. Für irgendetwas muss die Trainingsquälerei ja gut gewesen sein.

 

Imke Duplitzer

36, ist Olympiateilnehmerin. Sie kam mit elf zum Degenfechten und ist Deutsche Meisterin, Europameisterin, Vizeweltmeisterin. Dieser Tage erscheint das Buch der offen homosexuellen Athletin – Helden Haft: Provokante Gespräche mit interessanten Persönlichkeiten

 

erschienen in: Die Zeit, 26.7.2012, Nr. 31

Autor: Jörg Böckem

http://www.zeit.de/2012/31/Traum-Imke-Duplitzer/komplettansicht

Duplitzer: “Politiker sollen Sotschi fernbleiben”

Weltklassefechterin Imke Duplitzer hat Europas Politiker wegen der Menschenrechtsverletzungen und wegen des Anti-Homosexuellen-Gesetzes in Russland dazu aufgefordert, den Winterspielen 2014 fernzubleiben.

„Keine Eröffnungsfeier, keine Shakehand-Bilder, keine großen Gesten. Wenn Sie Ihren Sportlern Glück wünschen möchten – schicken Sie ein Telegramm“, teilte die zweimalige Europameisterin der Deutschen Presse-Agentur (dpa) auf Anfrage schriftlich mit. Duplitzer weiter: „Zügeln Sie einmal den Fan in sich und verzichten Sie auf die schönen Bilder in den jeweiligen nationalen Häusern und auf Tribünen der Wettkampfstätten.“ Das generelle Problem liegt nach Einschätzung von Duplitzer, die sich schon vor den Peking-Spielen 2008 gegen Chinas Machthaber stark gemacht hatte, bei den vergebenden Organisationen.
„So lange internationale Verbände wie das IOC oder die FIFA die Formel von der Autonomie und des unpolitischen Sport schwafeln und diese fast wie ein Schutzschild vor sich hertragen, werden unbequeme Themen wie Menschenrechte und Meinungsfreiheit bei der Vergabe quasi komplett ausgeblendet.

“ Es müsse auch „Schluss sein mit dem Verramschen sportlicher Werte für wirtschaftliche Werte wie Geld, Beziehungen und Verträge“.
Einen Boykott der Spiele bezeichnete Imke Duplitzer als „sinnlos.
Er trifft lediglich die schwächsten Glieder in der Kette.“ Damit meinte sie die Sportler. Stattdessen müsse sich die Politik bei Verletzungen der Menschenrechte im Zusammenhang mit sportlichen Großereignissen wie in Katar oder in Sotschi einmischen „und nicht aufgrund der vielzitierten, aber real nicht existierenden Trennung von Sport und Politik zuschauen“.
Auch Verbände sollten sich einmischen und die Sportler unterstützen, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen oder gegen das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz solidarisch bekennen wollen.

 

2.10.2013

Skandale um Sotschi und Katar

Duplitzer kritisiert Verbände - Imke Duplitzer hat nach den Skandalen im Vorfeld der Fußball-WM 2022 in Katar und der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi Kritik an den internationalen Sportverbänden geübt.

“Die bisher bekannten 44 Todesfälle erinnern an die vor Peking bereits geführte Diskussion, welchen Preis die Arbeiter für sportliche Großereignisse zahlen”, sagte die Degenfechterin: “Das Wiederkehren dieser traurigen Debatte zeigt lediglich, dass internationale Verbände sich weiterhin nicht um diese Themen kümmern.”

Zuletzt hatten menschenunwürdige Bedingungen für die Arbeiter beim Sportstättenbau für die WM in Katar und die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland für Empörung gesorgt. Nach Informationen der britischen Zeitung “The Guardian” sollen im Emirat am Persischen Golf zwischen dem 4. Juni und 8. August alleine 44 nepalesische Gastarbeiter ums Leben gekommen sein.

“Wenn der Sport weiterhin als Bindeglied zwischen Menschen, Kulturen und Ansichten dienen will, muss er auch die Verantwortung übernehmen, dass Menschenleben geachtet und Umweltressourcen geschont werden”, sagte die 38-Jährige.

Duplitzer fordert überparteiliche Allianz

Stattdessen forderte Duplitzer eine überparteiliche Allianz aus Persönlichkeiten der Politik, des Sports und der Kultur: “Um in Zukunft darauf zu drängen, bessere Rahmenbedingungen für sportliche Großereignisse zu schaffen und um internationale Menschenrechtskonventionen im Sport umzusetzen.”

Schon vor den Spielen in Peking 2008 hatte sich die Sportlerin kritisch zur Situation in China geäußert und aus Protest gegen die Menschenrechtssituation die Eröffnungsfeier boykottiert.

 

“Keine großen Gesten”

In Russland werden Homosexuelle per Gesetz diskriminiert. Ist ein solches Land der Olympischen Winterspiele 2014 würdig? Dem Protest von Menschenrechtsorganisationen haben sich inzwischen auch zahlreiche Athleten angeschlossen. Schließlich verstößt Putins sogenanntes Propaganda-Gesetz gegen die Werte der Olympischen Bewegung. Imke Duplitzer hat Europas Politiker aufgerufen, klare Kante zu zeigen.

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“Wir kamen nicht mehr raus”

Perfekt waren die Olympischen Sommerspiele in Peking – perfekt organisiert zumindest der schöne Schein. Wie es dahinter aussah, schildert Imke Duplitzer für die SPIEGEL Jahreschronik 2008.

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Die Rede-Fechterin

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking war Imke Duplitzer eine singuläre Gestalt. Wie keine andere Athletin hat sie für ein politisches Bewusstsein geworben. Von Anfang an hat sie sehr eindeutig Position bezogen gegen die Spiele in Chinas Parteidiktatur. Wer ist diese Frau, die sich gegen das Establishment des Sports richtet? Thomas Hahn dazu in der Süddeutschen Zeitung.

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Systemkritik: Imke Duplitzer wettert weiter gegen China

Fechterin Imke Duplitzer erneuerte auf einer Pressekonferenz ihre Kritk am politischen System in China. Ihrer Teamkollegen Britta Heidemann gefiel das überhaupt nicht. 

Britta Heidemann wollte nicht mehr ausführen, was sie von der China-Kritik ihrer Teamkollegin Imke Duplitzer hält. „Ich habe mich im letzten halben Jahr genügend positioniert“, sagte die Degenfechterin, „das brauche ich jetzt zwei Tage vor dem Wettkampf nicht mehr zu beantworten.“ Doch die Studentin der chinesischen Regionalwissenschaften musste auch gar nichts mehr sagen. Ihre regungslose Miene und der Blick, der während Duplitzers Ausführungen einen imaginären Punkt in der Ferne angesteuert hatte, drückten ihren Gemütszustand recht deutlich aus: Sie wirkte gelangweilt und genervt.

Imke Duplitzer hingegen fühlt sich von den ersten Tagen in Peking in ihrer Olympia- und Chinakritik bestätigt.

„Es ist hier optimal geschmacksneutral“, sagte die Fechterin, „es ist eine Hochglanzfassade, die überreguliert wird.“ Imke Duplitzer hatte sich in vielen Interviews kritisch zur chinesischen Politik geäußert und boykottierte die Eröffnungsfeier. „Ich habe nichts gegen 1,3 Milliarden Chinesen“, sagte sie. „Aber ich habe etwas gegen die eine Million Chinesen, die von diesem System profitieren.“ Zwei Tage nach ihrem Wettbewerb am Mittwoch wird sie bereits zurückfliegen.

Von einer Quelle habe sie gehört, dass das Pressebüro des olympischen Organisationskomitees Bocog eine Sitzung einberufen habe, um darüber zu diskutieren, wie es mit der Situation umgehen könne, falls sie eine Medaille gewänne. „Die haben Schiss davor, dass ich mich hinstelle und das System kritisiere“, sagt Duplitzer, „da könnte ich mich kaputtlachen.“ Bei der Mannschafts-WM im April in Peking seien bereits einige Aussagen falsch ins Englische und Chinesische übersetzt worden, erklärte sie.

Allerdings hat sich die 33-jährige Soldatin noch nicht entschieden, ob sie sich politisch äußern werde, falls sie eine Medaille gewinnt. „Das weiß ich nicht, das kommt darauf an, ob mir das System noch auf den Füßen herumtritt.“ Der Sport spielte bei der Pressekonferenz kaum eine Rolle, dabei hofft der deutsche Fechterbund, dass Duplitzer oder Heidemann das erste Gold im Fechten bei Olympia seit 1992 holen. Florett-Weltmeister Peter Joppich musste auf dem Podium nur wenige Fragen beantworten – die meisten drehten sich um die China-Einstellungen von Heidemann und Duplitzer.

erschienen in: Der Tagesspiegel - 11.08.2008

Autor: Benedikt Voigt

http://www.tagesspiegel.de/sport/systemkritik-imke-duplitzer-wettert-weiter-gegen-china/1298700.html