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Sport und Politik sind nicht mehr voneinander zu trennen

Interview mit Daniel Kreuz , Amensty Deutschland

07. Februar 2014 – Die deutsche Degenfechterin und vierfache Olympia-Teilnehmerin Imke Duplitzer setzt sich bereits seit vielen Jahren für die Menschenrechte ein. In der vergangenen Woche unterstütze sie Amnesty International in Berlin bei einer Protestaktion gegen die Einschränkung der Vereinigungs-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit in Russland. Im Interview spricht die 38-jährige Sportlerin über die Lage der Menschenrechte in Russland vor der Eröffnung der Olympischen Spiele, die Beziehung von Sport und Politik und ihr Engagement für Amnesty International.

Frau Duplitzer, an der Amnesty-Aktion vor dem Brandenburger Tor nahm auch die russische Menschenrechtsaktivistin Lilija Schibanowa teil, deren Organisation “Golos” von den Behörden schikaniert wird. Welchen Eindruck hat das Treffen mit ihr bei Ihnen hinterlassen?
Ich habe absolute Hochachtung und Respekt vor Menschen wie Frau Schibanowa, die so mutig für die Menschenrechte eintreten. Das habe ich ihr auch gesagt. In Deutschland genieße ich Rechtssicherheit und kann meinen Mund aufmachen und Kritik üben, und habe keine keinerlei Repressalien zu befürchten. Mein einziges Problem könnte sein, dass mich der Dachverband nicht mehr aufstellt. Das wär’s auch schon. Doch Aktivistinnen und Aktivisten wie Frau Schibanowa müssen damit rechnen, nicht mehr arbeiten zu können oder notfalls sogar eingesperrt zu werden, und das vielleicht für mehrere Jahre. Ich finde es faszinierend und bewundernswert, dass sie bereit ist, ein solches Risiko auf sich zu nehmen, und dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Organisationen wie Amnesty die Situation auch nach den Spielen weiterhin aufmerksam beobachten werden, wenn die “Medienmeute” schon wieder weitergezogen ist.

Wie bewerten Sie die Menschenrechtslage in Russland, wo heute in Sotschi die Olympischen Winterspiele beginnen?
Die russische Regierung instrumentalisiert den Sport für ihre Interessen. Denn wenn man einen Scheinwerfer auf etwas richtet, dann sieht man nicht mehr, was in den dunklen Schattenbereichen um den Lichtkegel herum passiert. Die Regierung propagiert, dass es die “besten und friedlichsten Winterspiele” aller Zeiten werden. Doch hinter den Kulissen sieht es anders aus. Die Opposition wird mit immer neuen restriktiven Gesetzen bedroht und eingeschüchtert, viele Nichtregierungsorganisationen können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Dabei ist die Idee hinter den Olympischen Spielen mit Werten wie Frieden und Völkerverständigung so eine tolle Sache. Doch das Internationale Olympische Komitee (IOC) scheint es nicht zu interessieren und macht keinen Druck auf die Regierung und die Behörden. Wo kein Wille ist, ist auch immer ein Weg, sich herauszureden. Und da ist das IOC immer vorne dabei. Wenn man die Spiele 2007 nach Russland vergibt, also nach der zweiten Amtszeit von Präsident Wladimir Putin, und dann sagt, die Situation heute sei nicht absehbar gewesen, dann muss man schon sehr blauäugig sein.

Das IOC betont immer wieder, dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun hätten…
Sport und Politik sind in der heutigen Zeit nicht mehr voneinander zu trennen. Die Olympischen Spiele sind die drittteuerste Marke der Welt nach Apple und Google. Wenn man so ein großer wirtschaftlicher Faktor ist, ist man automatisch auch ein politischer Faktor. Doch Sport-Funktionäre verstecken sich immer gerne hinter der Autonomie des Sports. Wenn es gut läuft, heißt es: “Wir haben zur Völkerverständigung beigetragen” und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Und wenn es schlecht läuft, dann heißt es: “Wir sind ja keine Weltregierung und sollten uns nicht immer einmischen”. Das ist doch alles sehr doppeldeutig. Und natürlich hat auch das IOC politische Ambitionen. Warum sollte sich sonst IOC-Präsident Thomas Bach darüber aufregen, dass Politiker wie Gauck oder Cameron nicht zur Eröffnungsfeier kommen wollen? Wäre Sport wirklich nur Sport, könnte ihm das doch egal sein.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?
Ich kann gut verstehen, wenn sich nicht jeder Sportler und jede Sportlerin zu Menschenrechtsverletzungen äußert. Da braucht man schon ein dickes Fell, vor allem, wenn während der Spiele dann eventuell die Leistungen nicht stimmen. Da gibt es dann oft hämische Kommentare. Doch es ist die Aufgabe des IOC, auf Missstände hinzuweisen und menschenrechtliche Standards einzufordern. Das IOC ist natürlich nicht für alles verantwortlich, aber er ist mächtig. Er könnte die Regierung ermahnen: “Mit eurem Vorgehen beschädigt ihr nicht nur euch selbst, sondern auch uns und die Olympische Idee”. Auch die Sponsoren müssten stärker in die Pflicht genommen werden, die die tollen Bilder und eine positive Berichterstattung wollen. Diese Diskussion wird uns noch sicherlich über viele Jahre begleiten, wenn ich einen Blick darauf werfe, wo die nächsten Spiele und FIFA-Weltmeisterschaften stattfinden werden: 2014 und 2016 in Brasilien, wo diese Großereignisse zu mehr Korruption und Einschnitten in den Sozialsystemen geführt haben, dann die Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar. Der Sport kommt aus dem Morast doch gar nicht mehr heraus. Es geht um die Erschließung von neuen Märkten, aber von der eigentlichen Idee ist nur noch wenig übrig.

Als Sie 2008 an den Olympischen Spielen in Peking teilgenommen haben, haben Sie auch damals schon die Menschenrechtslage im Austragungsland offen kritisiert. Wie haben die chinesischen Behörden darauf reagiert?
Bei den Spielen selbst hatte ich keine Probleme. Aber als ich ein Jahr später wegen eines Turniers erneut einreiste, hätte ich beinahe kein Visum bekommen. In China wurde ich dann jeden Tag von zwei Männern beschattet. Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich fragte sie in einem Restaurant, ob sie mir beim Bestellen behilflich sein könnten. Sie fühlten sich ertappt und sagten kein Wort. Ich habe ihnen trotzdem ein Bier spendiert. Am nächsten Tag wurden sie ausgetauscht und ich hatte neue “Schatten”. Als ich das nächste Mal einreisen wollte, hat sich die Visumsvergabe so lange hingezogen, dass ich die Reise abgesagt habe.

Sie tragen seit vielen Jahren bei Wettkämpfen das Amnesty-Logo auf dem Ärmel…
Ich möchte damit ein Zeichen setzen für diejenigen, die sich unter oft schwierigen Bedingungen für die Menschenrechte und für politische Vielfalt einsetzen. Fechten ist natürlich nicht die Medien-Sportart Nummer eins. Aber es wird wahrgenommen, wenn ich beispielsweise bei einem Turnier in Katar auf der Bahn stehe mit dem Amnesty-Logo. Mir ist es schon häufiger passiert, dass im Ausland nach den Wettkämpfen Menschen auf mich zu kamen und sagten: “Amnesty? Finde ich gut!” Es soll auch ein Zeichen sein, dass der Sport sehr wohl Verantwortung zeigen kann. Denn gerade der Sport bietet so viele Möglichkeiten, Werte wie Menschenrechte und Völkerverständigung zu transportieren – wenn er denn nur möchte.

Interview: Daniel Kreuz

Quelle: http://www.amnesty.de/2014/2/7/interview-mit-fechterin-imke-duplitzer-sport-und-politik-sind-nicht-mehr-voneinander-zu-tre

 

Der Dackel ist verdächtig

sz

Süddeutsche Zeitung

Die Seite Drei

Donnerstag, 31. Oktober 2013


München Seite 3, Bayern Seite 3, Deutschland Seite 3

Das freie, strahlende, lässige München soll sich also einlassen auf Olympische Winterspiele.
Die Frage ist nun, wer hier wen braucht: die Stadt die Spiele, oder das IOC die Stadt

VON HOLGER GERTZ

Das „Savigny in Charlottenburg ist kein stilles Café, an den Tischen sitzen junge Mütter mit brabbelnden Kleinkindern, die Musikanlage ist aufgedreht, aus der Küche grüßt die Milchschaumdüse. Alles kein Hindernis für die Frau an Tisch vier, gleich vorn am Fenster: Es gibt ein verspätetes Frühstück. Sie spricht sehr deutlich, sie spricht laut. Auch wenn man nicht immer und in allem gleich ein Symbol sehen soll: Redekunst und Lebensart sind, im Falle Imke Duplitzer, nahe Verwandte.

„Bei Olympischen Spielen wird ein Märchen verkauft, ein Wohlfühlevent alle zwei Jahre. Das ist ein Ritual für die Zuschauer, wie an Weihnachten Aschenbrödel schauen.“ Imke Duplitzer beißt ins Brot. „Das Märchen handelt von einer Sportwelt, in der alles in Ordnung ist, da messen sich Menschen im friedlichen Wettstreit, das sind die Athleten, 10 000 Götter auf Erden.“ Imke Duplitzer beißt ins Brot. „Was hinter diesem Märchen steckt, interessiert die Oberförster vom IOC nicht. Hauptsache, sie haben versendbare Fernsehmärchenbilder, die sie inzwischen ja auch selbst produzieren. Also, auch wenn sie im Produkt einen Makel haben, können sie den rausschneiden. Sagen wir, ein Langläufer kotzt nach den 50 Kilometern in die Rabatten. Das soll keiner sehen.“

Imke Duplitzer, 38, ist eine der besten Fechterinnen der Welt, fünfmal bei Olympia angetreten, 2004 in Athen gewann sie mit der Degenmannschaft Silber. Sie sagt: „Wenn man die Olympischen Spiele will, muss man sich im Klaren darüber sein, dass man sich mit dem IOC einlässt. Und da würde ich den Münchnern einfach mal zurufen: Zieht euch warm an.“

München hatte sich schon um die Winterspiele 2018 beworben, den Zuschlag des Internationalen Olympischen Komitees, kurz IOC, erhielt Pyeongchang. Ein südkoreanischer Wintersportort, dessen Name sich nach nordkoreanischer Hauptstadt anhörte – und den viele in München lange nicht ernst genommen hatten, mit Ausnahme des weitsichtigen Franz Beckenbauer natürlich. Beckenbauer, der Guru aus München-Obergiesing, sprach gegenüber ausländischen Journalisten von den „Schaahsen of Schennschang“. Man dürfe, so sagte er es den deutschen Journalisten, „Schennschang nicht unterschätzen“.

Am 10. November finden in München, Garmisch-Partenkirchen und den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden Bürgerentscheide statt. Wenn es vier positive Voten gibt, werden München und die Partnerorte sich offiziell bewerben um die Winterspiele 2022. Es gibt Debatten, nicht nur in München. Schließlich ist nicht klar, ob es im Winter 2022 überhaupt noch so kalt sein wird, dass sich jemand warm anziehen muss. Ist Olympia – wenn man ökologisch und nachhaltig denkt – der Bergwelt zumutbar? Das ist eine Frage. Die andere, weiter gefasste: Sollte sich der freie Teil der Welt einlassen mit diesem IOC, das so gern und so vertrauensvoll mit totalitären Regimes zusammenarbeitet, in denen es Bürgerentscheide nicht gibt?

In Peking wurden Menschen zwangsweise umgesiedelt, um Platz zu schaffen für die Stadien. In Sotschi wurde ein Biosphärenreservat plattgemacht, ein Sumpfgebiet trockengelegt für den Olympiapark. Für 38 Milliarden Euro wurde in einem Badeort ein Winterspielplatz hochgezogen. Männer aus Usbekistan und Tadschikistan arbeiteten auf den Baustellen, zum Teil als illegale Gastarbeiter. Ohne diese Männer wäre alles nicht fertig geworden, jetzt berichten Menschenrechtsorganisationen von Festnahmen. Die Arbeiter werden nicht mehr gebraucht, sie sollen raus aus Russland. Die Menschenrechter sprechen von den „Sklaven von Sotschi“. Vom IOC ist nichts zu hören.

Alle wollen etwas gewinnen bei Olympia, die meisten gewinnen nichts. Aber das IOC, das die Rechte an den Spielen vermakelt, rührt sich nicht, wenn Menschenrechte verletzt werden. Moral ist kein Wert im Geschäftsmodell dieses Verbandes, der inzwischen eine Firma ist, die das zweitwertvollste Produkt der Welt verkauft. 2012 wurde die Marke Olympia in Ranking der Londoner Berater Brand Finance auf Platz zwei gesetzt, hinter Apple, vor Google.

Passt Olympia nach München, das ja für sich in Anspruch nimmt, ein Herz zu haben, tief drin, wo bei anderen Städten nur ein paar S-Bahn-Röhren sind? Passt Olympia nach München, in eine Stadt, in der selbstbewusste Lässigkeit zu Hause ist? Wo Olympia doch das Gegenteil von Lässigkeit im Angebot hat: Pathos.

Imke Duplitzer ist eine Rarität unter Sportlern, wahrscheinlich sogar unter Menschen. Sie ficht noch immer, womöglich tritt sie in Rio 2016 noch mal an, sie ist ein Teil der Szene und zugleich deren hartnäckigste Kritikerin. „Ich hab irgendwann mal das Kärtchen nicht gekriegt, auf dem mein Rückgrat-Entfernungstermin draufstand.“ Bevor sie auf die Planche tritt, die Fechtbahn, bindet sie ein Piratentuch ums Haar. Es nimmt den Schweiß auf, es ist ein Statement. Imke Duplitzers Revoluzzerhaftigkeit drückte sich immer in Taten aus, 2008, vor den Spielen in Peking, ließ sie sich für eine Bilderserie mit dem Porträt von Gao Zhisheng fotografieren. Sie trug ihre Fechtausrüstung und hielt sich das Schwarz-Weiß-Bild dieses Chinesen vors Gesicht. Gao Zhisheng war Anwalt in China, ein mutiger Mann: Er vertrat protestierende Fabrikarbeiter und einen Priester, der wegen des Verteilens von Bibeln verurteilt worden war. Vor den Spielen in Peking verschwand er, noch heute ist er in Haft.

Die Chinesen hatten die Spiele, sie hatten die ganze Welt bei sich im Land; die Kritiker und Aufsässigen wurden weiter mundtot gemacht. Vom IOC war nichts zu hören.

Duplitzers Foto war immerhin eine Geste, eine von mehreren. In Peking boykottierte sie die Eröffnungsfeier und blieb nicht länger als nötig. „Bin angereist, dann ein bisschen Training, das übliche Vorgedödel, zwei Tage nach der Eröffnungsfeier haben wir gefochten, am Tag darauf bin ich wieder geflogen.“ Sie habe Besseres zu tun, sagte sie damals: „Ich muss meinen Flur streichen.“ Wer so etwas sagt, ziemlich laut, fällt auf, sogar den Chinesen. Zwei Jahre später bekam sie kein Einreisevisum für ein Turnier in Nanking.

Imke Duplitzer hat davon gehört, dass die Befürworter in München den Termin sehr beziehungsreich finden würden, Winterspiele 2022. Ein halbes Jahrhundert nach den Sommerspielen, die einerseits in der Katastrophe endeten: die toten Sportler aus Israel. Andererseits klebt „München 72“ immer noch wie ein Herstellungsdatum am Lebensgefühl der Stadt. Münchens Haltung zur Welt, Deutschlands Eintritt in die Moderne. Was damals unverkrampft genannt wurde, heißt heute cool. Olympische Spiele veranstalten, bei deren Eröffnung „Tiritomba“ und auch „Horch was kommt von draußen rein“ gespielt wird, neu arrangiert vom Bandleader Peter Herbolzheimer. Beige Schlaghosen, laubfroschgrüne Hemden und Koteletten wie Eichhörnchenschwänze. Das schwingt mit, wenn jemand sagt: München zweiundsiebzig. Außerdem: keinen Adler, keinen Löwen als Maskottchen haben, sondern einen dauerwurstartig gebauten Dackel namens Waldi. Münchner sagen Zamperl zu dieser Art Hund.

1972 ist ewig her, das IOC war lange ein von der Pleite bedrohter Verband, bevor er umgebaut wurde zu einem Profitunternehmen, einer Gelddruckmaschine. Die Fernsehrechte waren 1972 in München noch für 17,8 Millionen Dollar zu haben – in Peking 2008 brachten sie 1,74 Milliarden. Imke Duplitzer sagt: „Im IOC sitzen inzwischen Großraubtiere. Die machen mit einem Dackel kurzen Prozess.“

Die Ausrichterstadt geht einen Pakt ein mit dem IOC. Ein Vertrag muss gegengezeichnet werden, den Münchens Oberbürgermeister Christian Ude schon beim Anlauf für 2018 eine „Zumutung“ nannte. Die Rechte beim IOC, die Pflichten beim Veranstalter. Einseitige Risiko- und Lastenverteilung, der Ausrichter haftet für Verluste, der Vertragsinhalt wird vom IOC vorgegeben. Wer die Spiele will, erklärt sich bereit, einen Deal einzugehen, der von Juristen in Teilen als sittenwidrig eingestuft wird. Die Großraubtiere machen mit dem Dackel kurzen Prozess und auch mit dem Ausrichter, das IOC diktiert und gibt vor, es ordnet an, es kassiert ab.

Die Vereinbarungen sind so aus der Zeit gefallen wie die Haltung des IOC zu vielen Dingen des Lebens, das IOC erinnert an den Vatikan, bevor Papst Franziskus kräftig durchlüftete. Gerade hat der russische Präsident Putin ein Gesetz unterschrieben: Wer in Anwesenheit von Minderjährigen positiv über Schwule und Lesben redet, muss eine Strafe zahlen. Homophobie ist in Russland nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sie ist jetzt auch gesetzlich verankert: Das ist – aus mitteleuropäischer Sicht – eine Unglaublichkeit, ein Skandal. Den zweiten Skandal verursacht das IOC, von dem schon wieder nichts zu hören ist. Es hat die Winterspiele 2014 nach Sotschi vergeben, die Spiele werden Putins Spiele werden, auf Putins Bühne. Das sogenannte Anti-Schwulen-Gesetz wird weltweit kritisiert, in den USA rufen Homosexuellen-Verbände dazu auf, keine Cola mehr zu trinken. Coca Cola ist olympischer Großsponsor. In Berlin protestierten im August 4000 Menschen gegen das Gesetz. Sie hatten Plakate mit dem per Photoshop auf Tunte geschminkten Putin dabei und solche, auf denen Verantwortung – I’m lovin it stand. Der Slogan von McDonald’s, umgedichtet. McDonald’s ist olympischer Großsponsor. Bode Miller, Ski-Olympiasieger aus den USA, kritisierte das IOC, dessen humanitärer Anspruch sei nur ein Anstrich: „Die Athleten werden irgendwo hingeschickt und sollen diese Philosophien vertreten, und dann dürfen sie ihre Einstellungen und Meinungen nicht zum Ausdruck bringen. Das ist ziemlich scheinheilig.“

Vom IOC: nichts zu hören – außer dem Hinweis, dass die Sportler sich bei Olympia an die Olympische Charta zu halten haben, ein Gesetzeswerk, das Athleten politische Proteste bei den Spielen verbietet. Es gab Diskussionen, ob schon das Schwenken der Regenbogenfahne als politischer Akt verstanden werden kann. Die Frage ist nicht abschließend beantwortet. Aber: eher ja.

Kurz nach den Debatten um das Gesetz stellten die deutschen Wintersportler ihre offizielle Olympiakleidung für Sotschi vor, die wattierten bunten Jacken erinnern an Waldi, den Dackel von 1972 – die Beschwörung von München als Olympiaort ist immer und überall. Andererseits erinnern sie eben auch an die Regenbogenfahne, weltweit verstanden als Symbol für Toleranz und eine Art inoffizielles Hoheitszeichen der Schwulen- und Lesbenbewegung. Bevor es zu Verstimmungen mit dem grandiosen Putin und dem IOC kommen konnte, erklärte ein eifriger Sprecher der deutschen Olympioniken: Man könne „davon ausgehen, dass das nichts mit Protest zu tun hat“, das Design sei schon vor Monaten entworfen gewesen. Imke Duplitzer lacht ein bisschen dreckig, sie sagt: „Da wurde also von den Deutschen in der olympischen Disziplin des Zurückruderns mal wieder eine goldmedaillenreife Leistung abgeliefert.“

Berlin, ein anderer Tag, in der Kronenstraße treffen sich Mitarbeiter des Vereins Doping-Opfer-Hilfe, der Verein berät Menschen, denen Stimulanzien verabreicht wurden und die krank geworden sind davon. Uwe Trömer sagt ein paar Begrüßungsworte, ein ehemaliger Bahnradfahrer aus der DDR, eine intravenöse Behandlung hat seine Nieren versagen lassen, er ist ein Gezeichneter bis heute. Trömer sagt: „Ich kann nur an die Medien appellieren: Zeigen Sie so oft wie möglich die andere Seite der Medaille. Die ist nämlich nicht golden, nicht glänzend, die ist tiefschwarz.“ Nicht verkehrt, sich das noch mal zu vergegenwärtigen. Sich als Stadt um die Spiele zu bewerben bedeutet ja immer auch: bereit sein, über vieles hinwegzusehen.

Im Publikum sitzt Viola von Cramon, Politikerin der Grünen; gerade ist sie aus dem Bundestag ausgeschieden, der Listenplatz sieben hat nach dem fiesen Wahlkampf ihrer Partei nicht gereicht. Sie wird nicht länger als Obfrau der Grünen im Sportausschuss des Deutschen Bundestages mitarbeiten können. Für Menschen, die den Sport auch kritisch sehen, galt sie als fähigste Kraft in diesem Gremium. Es ist selten, dass der Abschied von einem Politiker so spürbar bedauert wird wie beim Treffen der Doping-Opfer-Hilfe. Viele danken ihr, für ihr Engagement und ihre Erreichbarkeit, für ihren Durchblick, für ihre Rauflust. Viola von Cramon lächelt, sie sieht gerührt aus.

Die Olympiabewerbung war eines ihrer Themen und wird es bleiben, die Umwelt, die Nachhaltigkeit, aber auch Münchens Deal mit dem IOC. „Da sind Leute, die sich jeglicher Transparenz und demokratischer Struktur entziehen“, sagt Viola von Cramon. „Der Laden an sich, die Strukturen des IOC an sich, das geht nicht zusammen mit den Werten eines demokratischen Staates, das ist mit Checks and Balances nicht zusammenzubringen.“

Das IOC ist die Regierung des Weltsports, 112 Mitglieder, 30 Ehrenmitglieder: ein exklusiver Klub. Man trifft sich regelmäßig, bei sogenannten Sessionen, man ist untergebracht in den besten Hotels, an interessanten Orten. Durban, Singapur, Moskau. Die Vollversammlungen werden eröffnet in den prachtvollsten Theatern oder Opernhäusern der jeweiligen Städte, anwesend sind dann neben den IOC-Mitgliedern noch Sportler, Spindoktoren, Ehrengäste, sehr alte Männer, sehr schöne Frauen. Der Geldadel der Welt, und der echte Adel. IOC-Mitglieder sind: Prinzessin Nora von Liechtenstein, Prinz Faisal von Jordanien, der Herrscher von Katar, Joseph Blatter, der Herrscher des Weltfußballs. Außerdem weitere Scheichs, viele Ladys, ein paar Sirs, eine ehemalige Eishockeyspielerin, eine burundische Sportfunktionärin. Die Gesellschaft ist einerseits multikulti und bunt, andererseits tief im Gestern verfangen: Ältere Mitglieder des Komitees legen sich riesige Ketten mit den fünf Ringen um den faltigen Hals.

Im IOC sitzen Macht und Geld nebeneinander, eine schwierige Verbindung. Lee Kun Hee aus Südkorea, starker Mann bei Samsung, wurde wegen Steuerbetrugs zu drei Jahren Haft auf Bewährung und

90 Millionen Dollar Strafe verurteilt, aber bald begnadigt. Sein Staatsauftrag: Er sollte die Olympischen Spiele in die Stadt holen, die von Beckenbauer Schennschang genannt worden war. Franz Beckenbauer ist kein IOC-Mitglied. Dafür ist einer von Beckenbauers Freunden dessen Präsident.

Thomas Bach, Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim, amtiert seit wenigen Wochen. Ein Deutscher. Könnte er die Spiele verändern? Viola von Cramon sagt: „Er wäre in der Pflicht zu sagen: Wir brauchen kleinere Spiele. Einfachere Spiele. Spiele, die in Kooperation mit dem Ausrichterland organisiert werden. Der müsste sagen: Wollen wir in Zukunft noch mal in einem zivilisierten demokratischen Land Spiele sehen? Oder sind wir zufrieden damit, in Luxushotels untergebracht zu sein, auch wenn sie mitten in der Wüste stehen. Fünf Sterne sind ja fünf Sterne. Solange den IOC-Menschen egal ist, ob sie den Luxus in München genießen, in Katar oder irgendwann in Nordkorea: So lange ändert sich nichts.“

Thomas Bach ist noch keine hundert Tage im Amt, die Zeit sollte man ihm geben. Aber er ist nicht bekannt als jemand, der den Dingen eine neue Richtung gibt. Er ist ein Taktiker der Macht, Imke Duplitzer nennt ihn „King of Kotelett“. Kurz nachdem er gewählt worden war, reichte man ihm ein Handy. Am Apparat, mit herzlichen Glückwünschen: Wladimir Putin.

In München sind die Wahlplakate zur Bundestagswahl abgehängt und ersetzt worden durch Poster, die auf den Bürgerentscheid hinweisen. Die Plakate sind designtechnisch eine Katastrophe. Comicheft-Sprechblasen („O Ja!“), ein stilisierter Snowboarder, alles grün-orange-blau, die Winterwelt in Waldifarben. Das Plakat sieht aus, als wäre es entworfen worden von Menschen, die nicht wissen, was sie von dem halten sollen, für das sie da werben. Ein Slogan ist: „Deine Stimme – Deine Spiele.“ Schlimmer als ein Plakat, das langweilt, ist ein Plakat, das langweilt und lügt.

Viola von Cramon kann sich das nicht vorstellen, Olympia in München. Nicht zu den Bedingungen des IOC. „Man muss klar sagen: Sich mit diesem korrupten Verein gemein zu machen, mit ihm Verträge abzuschließen und sich diktieren zu lassen, wie die Bedingungen sind – sorry, das steht nicht in Einklang mit meinen Moralvorstellungen.“ Es gibt zwar jetzt einen neuen Ethik-Code des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), darin ist das Verhalten der deutschen Bewerber untereinander und gegenüber Außenstehenden geregelt, sie werden sich tadellos verhalten. Klingt gut, ist aber doch so, als würde jemand sich darüber freuen, dass seine Wohnung trocken ist – während draußen der Rest der Welt davongespült wird. Cramon sagt: „Man müsste den DOSB fragen, ob dieser Ethik-Code auch der Ethik-Code ist, den sie ihren Athleten für Sotschi mit auf den Weg geben, wo gegen jedes ethische Prinzip verstoßen wird.“

Imke Duplitzer kann sich das – zunächst – schon vorstellen, Olympia in München. Da fühlt sie wie eine Sportlerin. Menschen kommen zusammen, messen sich, zeigen anderen, was sie können. Imke Duplitzer ist eine Frau mit einem großen Herzen, und den Charme Olympias komplett kleinzureden, wäre auch zu einfach. Manchmal weint sie, zu Hause auf dem Sofa, wenn irgendwo ein Athlet gezeigt wird, der was gewonnen hat, Fechter, Schwimmer, Läuferin, egal. „Ich weiß ja, wie der sich fühlt in dem Moment.“

Andererseits sagt sie: „Ich habe keinen Bock mehr darauf, mich zu fragen: Wie viel Knebelverträge sind abgeschlossen worden? Wie viel Steuergelder müssen wieder nachgeschossen werden für die tolle Party? Wie viele Leute sind da vorher gestorben und gefoltert oder weggesperrt worden. Warum verdursten da Dutzende Arbeiter, weil sich Hunderte von ihnen eine Flasche Wasser teilen müssen? Warum gucken sich die Herren des Sports das kalt lächelnd an und machen: nichts?“

Dann sagt sie: Nein, sie kann sich das doch nicht vorstellen, Olympia in München. Nicht zu den Bedingungen des IOC.

Gibt es das Richtige im Falschen? Wie schmutzig darf man werden, wenn man saubermachen will? Braucht die wunderschöne, gelassene Stadt München Olympia? Oder braucht Olympia nicht eher die wunderschöne, gelassene Stadt München? Wäre es am Ende nicht eine moralische Verpflichtung für München, den IOC-Menschen mal sehr wuchtig mitzuteilen, wie man Spiele veranstaltet, die nicht nur Trümmer zurücklassen?

Schwierige Fragen, im Zeichen eines Hundes, der bei den Spielen in München 1972 zum Symbol wurde, während er in Sotschi 2014 nicht auf die Straße gelassen würde. Waldi, der regenbogenfarbene Schwulensympathisant.

 

Homophobie der Sponsoren: „Wo kein Wille ist, ist immer eine Ausrede!“

Imke Duplitzer: “Gerade das Spiel mit vermeintlich alten Klischees und die Weiterentwicklung von   Stereotypen würden in der Werbung ein enormes Potenzial bieten.” Imke Duplitzer: “Gerade das Spiel mit vermeintlich alten Klischees und die Weiterentwicklung von Stereotypen würden in der Werbung ein enormes Potenzial bieten.”

Imke Duplitzer, mehrfache Medaillengewinnerin bei Weltmeisterschaften mit der deutschen Degenmannschaft, hatte vor über zehn Jahren ihr Coming-out. Die siebenfache deutsche Meisterin sowie fünffache Olympia-Teilnehmerin äußerte sich 2013 über die Berliner Erklärung gegen Homophobie im Sport sehr kritisch. Überhaupt ist sie nicht auf den Mund gefallen. Einmal sagte sie in einem Interview: Homosexuelle Sportler würden gemobbt, geschnitten, missachtet. „Ich bin es einfach leid, wie ein Zirkustier begafft zu werden. Ich will nicht behandelt werden, als wäre ich normal. Ich bin normal.“

W&V sprach mit ihr über die Homophobie der Sponsoren.

Sie gehen seit Jahren sehr offen mit dem Thema Homosexualität um. Hat das positive oder gar negative Auswirkungen auf Ihre Sponsoren?

Dublitzer: Das lässt sich so nicht eindeutig sagen. Fechten bekommt als Randsportart sowieso schwer Sponsoren. Und Ausreden, warum man keine Sponsoren findet, gibt es immer genug. Wo kein Wille ist, ist auch immer eine Ausrede!

Was kriegen Sie hinter den Kulissen mit?

Ja, da allerdings bekomme ich mit, dass Offizielle auf Druck von Außen zugaben, dass jemand wie ich nicht in eine Stadt oder einen Sponsorenpool passt. Da frage ich mich dann, liegt es an meinen Prinzipien oder an meiner sexuellen Orientierung. Früher habe ich mir da echt meine Gedanken gemacht. Wenn Sie jung sind und das Märchen glauben, das Ihnen im Sportsponsoring vorgegaukelt wird, dann können solche Erfahrungen Spuren hinterlassen.

Was sind das für Ängste, die Sponsoren da heute noch haben?

Ich glaube, es ist gerade bei Sponsoren die Angst, ihr Produkt mit einer Figur zu verbinden, die nicht in allen Gesellschaftsschichten gut ankommt. Von Seiten der Agenturen würde es auch Mut brauchen, um so einen Versuch bei einem Pitch zu wagen. Dazu muss die Branche neue Ideen entwickeln und neue Wege gehen.

Da war Iglo mit dem schwulen Pärchen in der Werbung schon mal weiter.

Die Nummer mit den zwei putzigen Homosexuellen von Iglo damals zieht heute keinem mehr die Socken aus. Gute Werbung funktioniert nicht mehr über platte Anzeigen, in denen Krethi oder Plethi ihr Gesicht hinhalten und die Leute dann in den Laden rennen, um das Produkt zu kaufen. Werbung sollte eine gute Story dahinter haben, witzig, ironisch oder charmant sein und so die Kunden länger fesseln. Gerade das Spiel mit vermeintlich alten Klischees und die Weiterentwicklung von Stereotypen würden in der Werbung ein enormes Potenzial bieten. Sei es bei der Vermarktung eines Produkts oder der Diskussion, die eine clevere Kampagne anstoßen könnte. Immerhin betrifft es unmittelbar zehn Prozent der Bevölkerung. Ich sage, „Leute da geht noch was!“.

Würden Sie sich heute noch während Ihrer Karriere outen?

Wahrscheinlich ja. Allerdings würde ich mich heute nicht wie damals hinstellen und zu meiner Homosexualität „bekennen“. Aber ich kann es nicht ertragen, die Person, die ich liebe und alles, was mich privat glücklich macht, zu verstecken. Das habe ich einmal versucht, da die Frau, mit der ich damals zusammen war, gesellschaftliche Konsequenzen zu fürchten gehabt hätte. Aber an dem Vortäuschen einer Freundschaft bin ich innerlich fast zu Grunde gegangen. Mein Coming-out würde heute beiläufig passieren, weil ich dem Drang, Händchen zu halten, auch in der Öffentlichkeit nicht widerstehen kann und irgendjemand ein Bild schießen würde. So simpel.

Ist unsere Medien- und Werbewelt verlogen? Jetzt sagen alle, wie toll, dass der Thomas Hitzlsperger so mutig war, doch bei den Sponsoren sehen wir ja, wie sie wirklich ticken…

Ich glaube nicht, dass „verlogen“ die Sache trifft. Ich denke eher, es ist eine scheue Mutlosigkeit, die diese Entwicklung beeinträchtigt. Oftmals versteckt sich hinter diesem reflexhaften „Ist doch kein Ding“-Gerede die Hoffnung, dass der Kelch der tieferen Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, Gedanken und vielleicht auch Vorurteilen an einem vorbei geht. In erster Linie will man ja sein Produkt an die Kunden bringen und denkt nicht über den gesellschaftlichen Nutzen nach…

…hat aber doch Vorurteile.

Ich gebe zum Thema Vorurteil offen zu, dass ich mich nach dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger auch dabei ertappt habe zu denken: „ Mensch stimmt! Seit ein paar Jahren hat der immer so tolle Haare!“ Das ist natürlich blanker Blödsinn – aber so funktioniert das menschliche Hirn eben. Im Positiven wie im Negativen.

Glauben Sie, dass Sponsoren ihre oft homophobe Einstellung in Zukunft ändern werden?

Da schließt sich der Kreis bei Sport, Sponsoren und Werbung. Wenn die Werber mit richtig guten Ideen zu dem Thema kommen und eine Firma finden, die auch den Mut hat, das dann wirklich überschaubare Risiko zu gehen, kann Sportsponsoring sogar dazu beitragen, Themen wie Homosexualität zur normalsten Sache der Welt zu machen.

Nennen Sie uns ein Beispiel.

American Apparel hat sich mit der Unterstützung der Kampagne „Principle6“ nach meiner Meinung ganz weit vorne in Stellung gebracht. Die Unterstützung einer von Athleten initiierten Idee, auf gesellschaftliche Missstände im Ausrichterland hinzuweisen und auf die ignorante Haltung des IOC, das diese eigentlich in ihren „Firmenrichtlinien“ unter dem Artikel 6 ablehnt, ist ein Husarenstreich. Im Rahmen der Olympischen Spiele sind nur offizielle Ausrüster durch das IOC zugelassen. American Apparel umgeht dies durch die Verbindung mit der Kampagne „Principle6“. Ein Beispiel, bei dem die Idee gut, die Firma mutig und das Timing perfekt sind.

Interview | 16.01.2014 | von Jochen Kalka
http://www.wuv.de/marketing/homophobie_der_sponsoren_wo_kein_wille_ist_ist_immer_eine_ausrede

Amnesty: Gold für Menschenrechte

Der Protest gegen die russische Regierung wächst.
Einen Aufruf von Amnesty International für Meinungsfreiheit in dem Land haben weltweit 330.000 Menschen unterschrieben.
“Politische Oppositionen werden bedroht“, erklärte Imke Duplitzer bei der amnesty-Demo am Brandenburger Tor.

copyright: Amnesty International/Henning Schacht ai_30012014_027

“Wer stoppt Putin?”

Bereits seit Wochen spitzt sich die Lage in der Ukraine zu. Anlass für den TV-Sender phoenix, mit Fachleuten über die Machtspiele des russischen Präsidenten zu diskutieren. Unter dem Motto “Putin, die Macht und die Olympischen Spiele” war auch Imke Duplitzer dabei. Die komplette Sendung im Video.

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Helden ohne Kopf

Was macht der Spitzensport aus den Menschen? Verantwortungsvolle, disziplinierte, leistungsstarke, mündige Bürger, behaupten Funktionäre. Ihr Monopol-System zielt eher darauf, Geradeausläufer zu produzieren. Christoph Becker und Anno Hecker in der FAZ .

Frankfurter Allgemeine Zeitung Sport Samstag, 02.11.2013, Nr. 255 / Seite 30

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Duplitzers Funktionärskritik

Funktionäre sind weltfremde Bürokraten, Olympische Spiele eine verlogene Farce: Die Fechterin Imke Duplitzer hat mit ihrer Kritik am IOC und dem DOSB Klartext geredet – nicht zum ersten Mal. Was steckt hinter der wortreichen Empörung der Spitzensportlerin?

Auf Imke Duplitzer ist Verlass. Wenn es gilt, im deutschen Sport ein kritisches Wort über Verbände, über Sponsoren und Kommerz einzuholen, ist die 36-jährige Fechterin die erste Adresse. Ihr Rundumschlag in der “Bild”-Zeitung wenige Tage vor dem Beginn der Olympischen Sommerspiele gegen IOC und den eigenen Sportbund DOSB war denn auch nicht gänzlich überraschend. Duplitzers Verhältnis zu den Sportfunktionären ist als angespannt hinlänglich bekannt.

Diesmal hatte sich die Sportlerin die Nachwuchsförderung im deutschen Sport vorgeknöpft, die Rahmenbedingungen für Trainer und Athleten als schlecht bezeichnet, die DOSB-Funktionäre mit den SED-Kadern der DDR verglichen und die Olympischen Spiele als Inszenierung in “Sissi”-Manier kritisiert. Duplitzers Fazit: “Die Welt will beschissen werden.” Die Fechterin will demnächst ihr Buch “Helden-Haft” vorstellen. Dem hat die plakative Wortmeldung, in der “Bild” als “Olympia-Abrechnung” verkauft, womöglich nicht geschadet.

Bei Twitter schimpft Duplitzer bereits seit Monaten über den Fußball-Weltverband Fifa (“die veräppeln uns doch!”), deren Chef Joseph Blatter (“gibt es eigentlich das Wort blattern?”), über die deutschen Ruderer, die sich einen Olympiaplatz einklagen wollten (“Geschacher”), über die Grünen (“werdet endlich erwachsen!”), über Regierungssprecher Steffen Seibert (“so klingt ‘Opportunist’ also in Regierungsdeutsch!”). Duplitzer kommentiert, was es aus ihrer Sicht zu kommentieren gibt. Mit beeindruckender Streuung.

Auch vor Peking meldete sich Duplitzer zu Wort

Die Reaktionen aus dem organisierten Sport auf ihre neueste Attacke waren erwartbar: “Verfehlt und deplatziert” sei die Kritik, befand Leistungssport-Vizepräsidentin Christa Thiel. Die Strukturen des deutschen Sports seien “nicht so schlecht”. DOSB-Generalsekretär Michael Vesper nannte die Kritik “so pauschal”. Und Schwimmer Paul Biedermann sagte, so etwas “bringt keine gute Stimmung rein”.

Dagegen bekundete die Fechterin selbst, dass sie extrem viel Zuspruch für ihre Worte bekommen habe. Zahleiche E-Mails seien bei ihr eingegangen, “mir ist fast das Facebook-Profil explodiert”. So gab es Rückendeckung von Hockey-Bundestrainer Markus Weise, der zwar die Unterstützung durch den DOSB lobte, aber die fehlende Anerkennung der Trainerarbeit bemängelte.

Schon vor den Sommerspielen in Peking 2008 hatte Duplitzer für Aufsehen gesorgt, als sie die Menschenrechtsverletzungen in China anprangerte und demonstrativ der Eröffnungsfeier fernblieb. Bei den anschließenden Wettkämpfen triumphierte dann ihre Konkurrentin Britta Heidemann – so etwas wie die Anti-Duplitzer.

Heidemann hat in China studiert, sie bewegt sich trittsicher im Umfeld der Sponsoren und PR-Strategen, arbeitet als Unternehmensberaterin, hat gut dotierte Werbeverträge und ist überhaupt eine Art Darling auf und abseits der Planche. Heidemann verkörpert viel von dem, was Duplitzer am modernen Sport ablehnt .

Heidemann ist das Gesicht des Fechtsports

Sportlich erfolgreich sind sie beide seit Jahren, für die Teamwettbewerbe rauft man sich auch regelmäßig zusammen. Duplitzer, mittlerweile auch Präsidentin ihres Fechtclubs OFC Bonn, nimmt in London zum fünften Mal an Olympischen Spielen teil, sie ist siebenfache deutsche Meisterin, sie hat zweimal die Europameisterschaft für sich entschieden, sie war bereits vor zehn Jahren Vizeweltmeisterin.

Dennoch ist Heidemann diejenige, die in der Öffentlichkeit als die Erfolgs-Fechterin gilt – ihr Olympiasieg überstrahlt alles, auch die Tatsache, dass die 29-Jährige diesmal große Probleme hatte, sich überhaupt für die Spiele zu qualifizieren. Seitdem ist sie das öffentliche Gesicht des deutschen Fechtens.

Duplitzer dagegen wird als Beauftragte für Kritik und Menschenrechtsfragen wahrgenommen. Dass sie auch aufgrund ihrer immensen Erfahrung sportlich derzeit womöglich die bessere Fechterin ist, geht dabei unter. Als es im April bei der entscheidenden Qualifikation darum ging, ob überhaupt ein deutsches Degen-Team der Frauen nach London fahren darf, war Duplitzer in den Gefechten die Leitfigur des Teams, nicht Heidemann. Zu den Favoritinnen auf Gold zählen sie in diesem Jahr aber beide nicht.

London wird vermutlich Duplitzers letzter große olympische Auftritt sein, sie wird während der Spiele 37 Jahre alt. Die erfolgreichen deutschen Fechterinnen waren oft eigenwillige Typen, von Cornlia Hanisch über Anja Fichtel bis Zita Funkenhauser. Der Einzelkampf auf der Planche fördert das, Fechten ist trotz aller Teamwettbewerbe immer ein Individualsport geblieben.

Es ist ein Sport, der Persönlichkeiten wie Imke Duplitzer verträgt.

 

erschienen in: Der Spiegel, 13.7.2012

Autor: Peter Ahrens

http://www.spiegel.de/sport/sonst/fechterin-imke-duplitzer-kritisiert-ioc-und-dosb-a-845818.html

“In einem vereinigten Europa sollten Toleranz und Akzeptanz keine Fremdworte sein.”

Outreach-Osteuropa unterstützt schwule Sportler und lesbische Sportlerinnen aus Osteuropa. Imke Duplitzer ist Schirmherrin des Programms.

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„Ich mache das Maul auf“

Sie hasst und liebt die Olympischen Spiele: Fechterin Imke Duplitzer ist zum fünften Mal dabei und will endlich den großen Erfolg. Imke Duplitzer im Interview

taz: Frau Duplitzer, Sie haben in den vergangenen Wochen extrem hart trainiert. Bei Ihrer fünften Olympiateilnahme wollen Sie endlich eine olympische Medaille im Degen-Einzel gewinnen. Können Sie die Planche überhaupt noch sehen?

Imke Duplitzer: Essen, schlafen, fechten. Das war mein Programm. Das führt natürlich zu einem Lagerkoller. Ab und zu sind mein Trainer Martin Heidenreich und ich ausgebrochen aus dieser Routine. Dann waren wir ganz überrascht, dass es da draußen noch andere Menschen gibt. Ich musste in der Olympiavorbereitung mehr tun, weil ich mich im Herbst des letzten Jahres an der Halswirbelsäule verletzt hatte und den Trainingsrückstand aufholen musste. Ich habe dafür sogar einen Fitnesstrainer verpflichtet.

Sie und das Team haben sich nur ganz knapp für Olympia qualifiziert. Um ein Haar hätte sich der ganze Aufwand nicht gelohnt.

Nach der Quali in Paris dachte ich kurz: O Mann, jetzt geht der ganze Scheiß weiter. Das klingt komisch, aber das Training geht echt an die Substanz. Diese Kopfverletzung war ja nicht von Pappe. Wieder in Form zu kommen, das war eine wahnsinnige Energieleistung. Ich hatte das Gefühl, ich muss Fechten wieder von Grund auf lernen. Mein Trainer und ich haben uns echt gequält.

Aber es ist doch wunderbar, dass Sie sich für Ihre fünften Sommerspiele qualifiziert haben. Oder etwa nicht?

Ja, es ist schön. Auf der anderen Seite geht bei den Spielen schon seit längerer Zeit etwas schief.

Was denn?

Jetzt sollen wir genötigt werden, einen bestimmten roten Schuh von Adidas anzuziehen, weil Adidas die Markenmacht bei den Spielen hat. Aber nicht mit mir. Sollen wir uns vielleicht auch noch die Haare färben, damit wir so auf den Sponsor aufmerksam machen? Das geht mir als Sportler auf den Geist. Ich möchte in meinen eigenen Schuhen fechten. Aus.

Und wenn das nicht geht?

Dann ziehe ich meine Schuhe vor laufenden Kameras auf der Fechtbahn aus. Ist mir scheißegal.

Keine Frage, die Spiele sind kommerziell, aber können Sie mit dem olympischen Geist, den es ja noch geben soll, nicht doch etwas anfangen?

Ich liebe den Wettkampf. Ich mache das, weil ich Fechten toll finde. Wenn man das erste Mal bei Olympia dabei ist, dann findet man das alles irgendwie faszinierend. Das kann ich verstehen. Aber ich weiß mittlerweile, wie es funktioniert: Die Jugend der Welt kommt zusammen. Das Internationale Olympische Komitee organisiert die Sause – und verdient prächtig daran. Ich für meinen Teil werde nicht im olympischen Dorf wohnen.

Im Ernst?

Ich habe ein Apartment in der Nähe vom Fechtzentrum gemietet. Ich werde mich auch aus den olympischen Feierlichkeiten heraushalten. Ich bin im Zwiespalt: Ich liebe den Sport, hasse es aber, wie Funktionäre ihn verbiegen.

Haben Sie dem IOC innerlich gekündigt?

Ich möchte einfach meine Ruhe haben. Das geht nicht im Dorf. Klar gibt es ein paar Sportler, auf die ich mich freue: Schützen, eine neuseeländische Hockeyspielerin und noch ein paar andere. Die Verabredungen stehen schon. Es ist ja für mich als olympischen Routinier nicht mehr so, dass ich einen Nervenzusammenbruch bekomme, nur weil Usain Bolt an mir im olympischen Dorf vorbeiläuft. So was brauche ich nicht mehr.

Macht das nicht gerade den Reiz aus, Stars zu treffen, aber auch Underdogs aus Entwicklungsländern?

Die Grundidee der Spiele finde ich immer noch gut, was daraus geworden ist, nicht. Daher die Distanz, auch die räumliche. Ich bin darauf gefasst, dass es Kritik hageln wird, wenn ich nicht erfolgreich sein werde. „Die braucht eine Extrawurst und bringt nur Unruhe rein“, wird es dann heißen. Aber warten wir mal ab.

Sie üben sich in professioneller Distanz.

O ja, das ist schön formuliert.

1996, als Sie als Ersatzfechterin zu den Spielen von Atlanta gereist sind, wie war es für Sie als olympische Novizin?

Da habe ich schon einen leichten olympischen Knacks wegbekommen. Ich war ein Niemand. Musste extern wohnen. Damals hätte es mir gut gefallen, im olympischen Dorf unterzukommen. Aber ich durfte nicht, weil es eine neue IOC-Regel gab. Ich war bei den Spielen, aber trotzdem nicht richtig dabei. Und die olympische Flamme habe ich damals auch nicht auf Anhieb gefunden, sondern zunächst nur die Olympic French Fries Flame von McDonald’s, also die Frittenflamme. Mittlerweile fechte ich fast lieber bei einer Weltmeisterschaft, weil es da noch ums reine Fechten geht.

Und bei Olympia nicht?

Dort herrscht ein extremer Kampf um Aufmerksamkeit. Und wer findet Gehör? Sportler, die sich total vermarkten, die Stars in einer Trendsportart sind oder ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen, konservativen Sportarten fallen immer mehr unter den Tisch.

Bei den Olympischen Spielen haben aber auch die vermeintlichen Randsportler die Chance, auf die große Bühne zu treten.

Der Ruhm ist nicht von Dauer. Was ist denn aus den letzten beiden deutschen Olympiasiegern im Fechten geworden? Ein Olympiasieg im Fechten zählt heute weniger als früher. Der Sport an sich zählt nicht mehr so viel. Es muss heute schrill sein, unterhaltend und schräg. Und der Sportler muss wissen, womit er in der Medienlandschaft ankommt, sonst geht er unter. So schaffen es auch wenig erfolgreiche Sportler mit nackten Tatsachen auf die Titelseiten.

Sie wissen doch auch, womit man bei den Medien gut ankommt.

Ich mache das Maul auf, richtig. Kritik allein nützt wenig. Sie muss schon mit Schmackes daherkommen, sie muss den Angesprochenen richtig wehtun. Das habe ich mit den Jahren gelernt.

Deswegen haben Sie der Bild-Zeitung vor ein paar Tagen auch ein vielbeachtetes Interview gegeben, in dem Sie über unfähige Sportfunktionäre wie den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbunds, Thomas Bach, wettern?

Ich habe dafür viel Zuspruch erhalten. Meine Facebook-Seite ist fast explodiert. Und der Sportbund hat mich ja nach den Spielen zu einem Gespräch eingeladen.

Warum legen Sie sich so gern mit denen an?

Weil es kein anderer macht. Keiner möchte sich den Mund verbrennen, man möchte nicht aus dem Förderungssystem rausfliegen. Und es ist sehr schwer, bestehende Strukturen infrage zu stellen. Ich will mich aber mit der Verarsche nicht abfinden.

Wie läuft die Verarsche Ihrer Meinung nach?

Man lässt sich von den bunten Bildern beeindrucken und versteht die Botschaft dahinter nicht mehr. Sie wird auch oftmals bewusst von den TV-Rechteinhabern ausgeblendet. Ich meine Doping, Kommerz, Korruption und Machtmissbrauch.

Im Moment des Wettkampfs muss Ihnen das egal sein, denn Sie wollen ja Ihre erste Olympia-Einzelmedaille, auf die Sie seit 1996 warten. Wie sehr setzen Sie sich selbst unter Druck?

Ich will die Belohnung für meine Quälerei einstreichen. Das geht aber nicht mit der Brechstange, sondern nur mit einer gewissen Demut. Man muss ackern, aber man muss dankbar dafür sein, dass man ackern darf. Ich bin dankbar dafür, dass ich dreimal am Tag in der Halle stehen und mein Programm durchziehen darf. Ich wühle, kämpfe und schaffe gern. Mein Trainer auch. Ich bin das von Kindesbeinen an gewohnt. Eigentlich geht es mir vor allem um die Fechtarbeit. Wenn am Ende eine Siegerpose steht, umso besser.

Verstehe ich Sie richtig: Der Weg ist das Ziel?

Beim Leistungssport darf man nie fragen: Was kriege ich dafür? Denn man hat nie eine Erfolgsgarantie oder eine sichere Rendite für die Investitionen im Training. Letztlich geht’s immer nur darum: umfallen, aufstehen, umfallen, aufstehen.

Sind Sie eigentlich eine bessere Fechterin als Anfang der neunziger Jahre?

Ich bin eine andere Fechterin. Ich bin geduldiger und demütiger geworden. Und ich bin immer noch fasziniert vom Fechten, begreife es aber mittlerweile als komplexes System. 1991 war ich eine Rotznase, der König der Welt, der nicht haushalten musste mit seinen Kräften, der nicht so viel nachgedacht hat und nach zwei harten Trainingseinheiten noch eine Stunde Badminton gespielt hat. Das ist heute etwas anders.

 

Die 37-Jährige ist Hauptfeldwebel der Bundeswehr, Degenfechterin, bekennende Lesbe und lauteste Kritikerin unter Deutschlands Olympioniken. Sie nimmt an ihren fünften Olympischen Sommerspielen teil. 2004 hat sie in Athen mit der Degen-Mannschaft die Silbermedaille gewonnen. Dass das Team jetzt auch in London dabei ist, hat es hauptsächlich den Fechtkünsten von Imke Duplitzer aus Bonn zu verdanken.

Der Plan: Der Wettkampf der Degenfechterinnen beginnt am Montag. Die Goldmedaille wird um 20.40 Uhr im ExCel Center von London vergeben. 64 Fechterinnen gehen an den Start. Es wird nach dem Knock-out-Prinzip verfahren. Um Olympiasiegerin zu werden, muss man also sechs Kämpfe am Stück gewinnen.

Das Gerät: Die Waffe des modernen Degenfechtens ist eine dreikantige, elastische Stichwaffe. Anders als in den Waffengattungen Florett und Säbel ist der ganze Körper Trefferfläche. Der Degen ist 1,10 Meter lang und wiegt 770 Gramm. Im Unterschied zum Florettfechten (500 Gramm) beträgt das Anzeigegewicht für einen Stoß 750 Gramm. Die Fechtbahn ist 14 Meter lang.

Die Stars: Florettfechterin Valentina Vezzali (Italien) hat fünf olympische Goldmedaillen gewonnen, ihre Landsfrau Laura Flessel-Colovic fünf Plaketten mit dem Degen. Meisterhaft ficht auch die Säbelschwingerin Mariel Zagunis (USA), die Doppelolympiasiegerin. Alle drei starten in London.

 

erschienen in: http://www.taz.de/!98222/

Die Frau, die den Männern Angst macht

Sie ist 1,86 groß und ihre Arme sind unterschiedlich dick. Keine guten Voraussetzungen, um gängige weibliche Stereotype zu bedienen. Vor allem aber macht sie den Mund auf – zum Beispiel wenn es um Homophobie oder Menschenrechte im Spitzensport geht. Ein Gespräch mit der EMMA.

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